130 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
eben schwer nachzuahmen; und es ist vielleicht ihr herbstes
Schicksal gewesen, daß ihre Art von Abt, von Gumbert, von
Kücken und anderen Helden verseicht werden konnte.
Die vollste entwicklungsgeschichtliche Höhe erreichte das
speziftsch romantische Kunstlied erst in Schumann. Besonders
wenn sich Schumann mit dem Spätling der dichterischen Früh—
romantik, mit Heine traf. Welche Deutung Heinescher Lieder
in ihrer tiefen Melancholie gibt nicht vor allem der Zyklus
der „Dichterliebe'! Was dem Poeten Erlebnis gewesen war,
das wurde dem Komponisten Schicksal. Und nun ergießt sich
über den Hörer trotz stetig festgehaltener gedrückter Stimmung
ein unglaublicher Wechsel der Stimmungen von den noch halb
hoffnungsvollen Tönen des wunderschönen Monats Mai bis
hin zu dem in Verzweiflung gebrochenen „Ich grolle nicht“,
und von dem breit hingeworfenen „Im Rhein, im heiligen
Strome“, dessen Harmonien sich wie Quadern aufbauen, bis zu
dem Idyll des leuchtenden Sommermorgens, das leise Töne
aus einer nicht mehr irdischen Formenwelt umhauchen. Hat der
Dichter seinen Liedern wie seiner Liebe das groteske Begräbnis
in einem Riesensarge gewünscht, den Träger stärker wie der
St. Christoph des Kölner Doms im Ozean betten sollen —:
in Schumanns Töne gefaßt haben sie mehr als dieses Wunsches
Erfüllung erlebt, werden sie noch Menschenalter deutschen Lebens
erschüttern.
Gewiß wird man Schumann schon auf Grund dieses einen
Zyklus als den charakteristischsten Liederdichter der Romantik
insprechen dürfen. Ob auch als den an sich größten? Mehr als
sonst jemand hat er das Pathos der Romantik; aber wo Schubert
zu sinnen scheint, da brütet und starrt er bisweilen: es ist
manchmal, als kündigte sich das unheilvolle Ende seines Lebens,
der Sprung von der Düsseldorfer Brücke in die Rheinflut eines
eisigen Wintertages, die Nacht der letzten wahnsinnigen Jahre
oerderbenhauchend an. Es fehlt das schöne, naive Maß
Schuberts: der Meister weicht der Stimmung, eilt ihr nach,
läst sich von ihr fortreißen, und sie flutet in langen Vor—
und Nachspielen aus. Zugleich malt er nicht selten al fresco