Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Descartes, 
sei, gelte; wenn er von 'ihm verlangt, dass er, ehe er an die 
Untersuchung der gleichförmig heschleunigten Bewegung ging, 
zuvor hätte bestimmen müssen, „was die Schwere sei“: so verletzt 
er damit seine eigene Grundansicht vom Wesen und Wert der 
mathematischen Voraussetzung, Dass unsere Begriffe die volle 
Wirklichkeit niemals erreichen und decken, dass sie somit zur 
‚adäquaten“ Darstellung des konkreten Einzelvorgangs nicht ge- 
nügen, ist von den eigenen Prinzipien Descartes’ aus zwingend 
einzusehen. Er selbst hat es in seinen Erwiderungen gegen die 
Einwände Gassendis nicht minder scharf als Galilei ausgesprochen, 
dass wir nicht nur vom Unendlichen, sondern auch von keinem 
noch so beschränkten und winzigen Einzelgebiet der Wirklichkeit 
jemals eine völlig abgeschlossene und erschöpfende Kenntnis er- 
werben können.®) (Vgl. ob. S. 310 ff.) Aber es war ihm nicht ge- 
geben, bei dieser Entsagung, die für Galilei zugleich das Gefühl 
und Bewusstsein des eigentümlichen Reichtums des wissenschaft- 
lichen Geistes in sich schloss, dauernd zu verharren. Die meta- 
physische Forderung, den gesamten Umfang des Seins ein für 
allemal mit dem Gedanken zu gewinnen und auszuschöpfen, wird 
ihm von neuem lebendig. Weil jede mathematische Formel not- 
wendig nur eine Annäherung an den wirklichen Vorgang dar- 
stellen würde, verzichtet er jetzt häufig von Anfang an darauf, 
sich das Geschehen in einem exakten Yuantitativen Ausdruck 
vorstellig zu machen. Ein ausgezeichneler Kenner der Cartesi- 
schen Philosophie, wie der Geschichte der Physik, Paul Tannery 
hat ausgeführt, dass Descartes sachlich zumeist durchaus im Recht 
war, wenn er gegenüber den mathematisch-physikalischen Theo- 
Zen seiner Zeitgenossen den Einwand erhob, dass in ihnen die 
konkreten, empirischen Verhältnisse nicht mit unbedingter Ge- 
nauigkeit wiedergegeben seien; — aber er knüpft hieran die para- 
doxe Bemerkung, dass der Irrtum sich in diesem Falle für den 
Fortschritt der Wissenschaft fruchtbarer erwiesen habe, als die 
wahre Ansicht.®) Vom Standpunkt der Methodenlehre be- 
steht dagegen der eigentliche Irrtum eben darin, die „abstrak- 
len“ Wahrheiten zu verwerfen und preiszugeben, weil die Be- 
dingungen, unter denen sie gelten, empirisch niemals vollständig 
verwirklicht sind. An diesem Punkte ist Descartes unmittelbar 
in den Grundfehler der Aristotelischen Gegner Galileis zurück-
	        
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