Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Analyse der Erkenntnis. 
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den mathematischen Ideen, die sich um das Dasein ihres Inhalts 
nicht zu kümmern brauchen, den stetigen und sicheren Ueber- 
3ang zur Bestimmung des physikalischen Körpers zu finden, so 
muss auch hier die Betrachtung sich von der Funktion und 
Tätigkeit des Denkens alsbald zu ihrem Gegenstand hinüber- 
wenden. Ohne ein bestimmtes Objekt, auf das es sich richtet. 
hat das Denken selbst keinen Halt und keine innere Bestimmt- 
heit. Aber auch hier werden wir, ehe wir weiter gehen dürfen, 
mit einer genauen Zergliederung der Aufgabe und ihres Ge- 
halts beginnen müssen. Wir werden fragen müssen, was das 
Denken selber unter einem ihm gegebenen Objekt versteht: 
welche Eigenschaft und Beschaffenheit es ist, die es mit dem 
Namen der „Existenz“ belegt. Sicherlich kann unter dem „Sein“ 
eines bestimmten Körpers, unter dem Sein etwa eines Stückes 
Wachs, das ich vor mir sehe, nicht der Inbegriff der sinn- 
lichen Eigenschaften gemeint sein, die sich in ihm vereinigen. 
Denn diese Eigenschaften können sich sämtlich wandeln, die 
Farbe kann wechseln, die Härte verschwinden, der Dult sich 
verllüchtigen, ohne dass wir aufhören, von dem Dasein des- 
selben Dinges zu sprechen. Worauf beruht diese Identität, 
die wir bei allem Wechsel der wahrnehmbaren Merkmale be- 
harrlich festhalten und voraussetzen? Wir schen uns dazu ge- 
drängt, die veränderlichen und wandelbaren Bestimmungen, die 
die Sinne uns vermitteln, im Gedanken auf feste und unwandel- 
bare Elemente zu beziehen und in ihnen ihr Sein zu begründen. 
Den „subjektiven“ Empfindungsqualitäten werden auf diese Weise 
die „primären“ Eigenschaften der Ausdehnung, Gestalt und Be- 
wegung als Halt und Stütze unterbreitet. Aber wenngleich die 
Physik sich mit der Konstanz, die sich ihr hier eröffnet, 
begnügen mag, wenngleich Descartes’ eigene Grundlegung der 
empirischen Wissenschaft nicht weiter als auf diese Grundfaktoren 
(ührte, so kann die philosophische Analyse — und dies ist 
eine neue und entscheidende Wendung — sich bei diesem Er- 
gebnis nicht beruhigen. Auch nachdem sie das Stück Wachs 
auf „etwas Ausgedehntes, Biegsames und Bewegliches“ reduziert 
nat, muss sich ihr die Frage von neuem und in weiterem Umfange 
wiederholen. Denn offenbar kann das Wachs, ohne aufzuhören 
dasselbe zu sein, unzählig viele verschiedene Gestalten und
	        
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