Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

116 
Descartes. 
Grössen annehmen; offenbar kann also Dasjenige, was es zum 
Einen und Selbigen macht, nicht in einer dieser Formen, noch 
auch in ihrer Summe enthalten sein. Die Forderung, alle jene 
Einzelphasen der Veränderung nacheinander zu durchlaufen 
und sie zu einem Ganzen zusammenzufassen, enthält bereits, da 
lie Manniglaltigkeit, um die es sich handelt, unendlich und 
unabschliessbar ist, einen inneren Widerspruch. Nicht die Kraft 
der sinnlichen Phantasie vermag uns somit die gesuchte 
Einheit zu geben und vorstellig zu machen; sie ist und bleibt 
vielmehr ein Werk des „reinen Verstandes“, Ohne ihn, der 
lie vielfältigen, successiven Einzelvorstellungen auf einen gemein- 
samen Mittelpunkt bezieht und der sie damit in sich selber zu- 
sammenhält, würde auch der Begriff des Gegenstands hinfällig 
werden. Wir können vom Sein des Wachses nicht sprechen, 
ahne damit jenen „Blick des Geistes“ stillschweigend anzunehmen 
und mitzusetzen: „Il faut demeurer d’accord que je ne saurois 
pas meme comprendre par l’imagination ce que c’est que ce 
morceau de cire et qu'il n’y a que mon entendement 
seul qui le comprenne.. Ma perception n’est point une vision, 
ai un altouchement, ni une imagination et ne ]’a jamais 6te, 
quoiquwil le semblät ainsi auparavant, mais seulement une 
'nspection de Vesprit, laquelle peut Gtre imparfaite et confuse, 
:omme elle etoit auparavant, ou bien claire et distinete, comme 
alle est A present.“ Jetzt erst, nachdem wir auf dem Grunde 
les Dingbegriffs von ueuem den Begriff des Denkens wieder- 
zelunden und entdeckt haben, gilt für Descartes der überzeugende 
Beweis des Satzes erbracht, den die „Regeln“ allgemein hinstellten: 
lass nämlich die Erkenntnis unseres Geistes ursprünglicher 
und gewisser, als jede andere ist, weil wir keinen Gegenstand 
begreifen können, ohne darin unser eigenes denkendes Wesen 
zu betätigen und mittelbar gewahr zu werden. — 
Wiederum sind cs die wissenschaftlichen Haupischriften, 
lie das Ergebnis, zu dem die philosophische Analyse hier geführt 
hat, erläutern und näher bestimmen. Descartes’ Wahrnehmungs- 
iheorie, wie sie in der Dioptrik enthalten ist, geht davon aus, 
las Vorurteil zu zerstören, dass die Erkenntnis der Aussendinge 
lem Geiste durch Bilder vermittelt wird, die den Objekten, von 
Jenen sie stammen. in allen ihren Teilen ähnlich sind. Was
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.