Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Descartes.

den Aussagen über die Verhältnisse des Wirklichen fortzuschreiten.
 Erst das Urteil des Verstandes ist es, das die unmittelbar
 gegebenen Empfindungen, die an und für sich nichts andeves
 als „Zeichen“ darstellen, zu Objekten umgestaltet und ausdeutet.
 So ist insbesondere — wie wiederum die ‚Dioptrik‘ ausführt
 — alle räumliche Verteilung und Gliederung der Empfinlungsdaten,
 alle „Lokalisation“, vermöge deren wir von der Lage
ınd Entfernung von Objekten sprechen, ein Werk des Intel-‚ekts
 und der vernünftigen Schlussfolgerung. Der Sinn als solcher
enthält weder positiv noch negativ einen Ausspruch über das
Sein: er kann weder irren, noch einen Irrtum berichtigen, da
ar sich jeden Anspruchs, der über den unmittelbaren und augenblicklichen
 „Eindruck“ hinausgeht, begibt. „Wahrheit“ und
‚Falschheit“ sind Momente und Gesichtspunkte, die erst der Intellekt
 erschafft und anwendet. Selbst dort, wo wir scheinbar
die Daten des einen Sinnes nach denen des andern zurechtrücken
und korrigieren, wie wenn wir etwa den Stab, der für das Auge
im Wasser gebrochen erscheint, durch den Tastsinn als gerade
erkennen — ist es in Wahrheit allein der Verstand, der nach Anhörung
 aller rationalen „Gründe“ zwischen den widerstreitenden
Wahrnehmungen die Entscheidung trifft.%) „Da das Gesicht uns
an und für sich nichts als Bilder, das Gehör nichts anderes als
Klänge darbietet, so muss alles, was wir neben jenen Bildern und
Klangzeichen als den Inhalt denken, auf den sie verweisen, uns
lurch Ideen dargestellt werden, die von nirgend andersher, als
aus unserm Denkvermögen selbst stammen, und die wir somit
als eingeboren, d. h. als potentiell in uns enthalten bezeichnen
können“.®) Der Weg der psychologischen und erkenntnistheoretischen
 Analyse des Dingbegriffs, den später besonders
 Berkeley beschritten hat, ist damit klar gewiesen. Und
wenn dieser, statt auf die Aktivität des Geistes in der Synthese
der Einzelwahrnehmungen zu verweisen, sich auf die Association
 der Eindrücke und auf die Leistung des Gedächtnisses
beruft, so scheint es, als habe Descartes auch diese Auffassung erwogen
 und sie im Voraus entwurzeln wollen. Ausdrücklich weist
er darauf hin, dass in der Funktion des Gedächtnisses selbst die
Mitwirkung des „reinen Verstandes‘“ bereits vorausgesetzt werde.
Es genügt nicht, dass im Gehirn bestimmte „Spuren“ vergangener
            
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