Die Analyse des Dingbegriffs.
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zwischen Empfindung und Gegenstand zu fordern ist, ist nicht
diese stoffliche Uebereinstimmung, sondern eine derartige funktio-
nale Wechselbedingtheit, dass jeder Veränderung des objektiven
Inhalts eine Differenz der Wahrnehmung entspricht, Wie die Me-
thode die physischen Körper sämtlich auf die einzige Bestimmung
der Ausdehnung zurückbezog, nicht um ihre sonstigen qualitativen
Eigentümlichkeiten zu leugnen, sondern um sie in reinen Unter-
schieden von Grössen symbolisch darstellbar zu machen: so
[ragen wir jetzt zunächst noch nicht, wie das wirkliche Sein der
Körper mit dem Sein der Empfindungen in uns zusammenhängt,
sondern begnügen uns mit der wechselseitigen harmonischen Be-
ziehung und eindeutigen Entsprechung beider Momente. Wie
eine perspektivische Zeichnung alle Eigentümlichkeiten des
Objekts, das sie darstellt, nur um so schärfer und genauer
wiederzugeben vermag, weil sie darauf verzichtet, das Original
in all seinen konkreten Beschaffenheiten und Dimensionen dar-
zustellen — so ist auch die Zeichensprache der Wahrnehmung
dadurch nur um so vollkommener, dass sie die Dinge nicht ihrem
ganzen materialen Gehalt nach nachzuahmen, sondern nur all
ihre Verhältnisse analogisch auszudrücken trachtet.?®) Damit ist
die scholastische Wahrnehmungstheorie, die wir, in mannigfachen
Umformungen und Verkleidungen, noch überall in den Anfän-
gen der neueren Philosophie herrschend fanden, im Prinzip über-
wunden. Wie stark und eindringend ihre Nachwirkung auch
zu den Zeiten Descartes’ noch war, kann man sich an einem so
modernen Denker wie Gassendi vergegenwärtigen. Dieser er-
nebt gegen den Cartesischen Ausgangspunkt vom Selbstbewusst-
sein den bezeichnenden Einwand, dass wir von unserm eigenen
Sein keine wahrhafte Erkenntnis besitzen: denn die Bedingung
zu jeder Erkenntnis ist, dass ein Ding von aussen her auf unser
geistiges Vermögen einwirkt und in ihm ein bestimmtes Abbild,
eine „Spezies“ seiner selbst, bewirkt und zurücklässt.**) Der
Grundmangel dieser Auffassung besteht darin, dass sie eine
metaphysische Annahme, ein reales Wechselverhältnis zwischen
dem Geist und den Dingen, dogmatisch an den Anfang stellt,
um von ihr aus den Akt des Erkennens zu erklären: während
Descartes’ Grundtendenz darauf gerichtet ist, von der klaren und
deutlichen „Idee“ aus, die ihm das unmittelbar Gewisse ist. zu
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