Das Objekt und die Urteilsfunktion.
419
Eindrücke zurückbleiben; sie müssen auch mit allen übrigen Inhalten
in Beziehung gesetzt und ihrer zeitlichen Stellung und
Ordnung nach mit ihnen verglichen werden. Nicht nur der materiale
Gehalt einer Vorstellung muss aufbewahrt, auch der Zeitpunkt
ihrer Entstehung muss bestimmt und festgehalten werden,
damit wir von „Erinnerung“ an frühere Vorstellungsbilder sprechen
können; dies aber setzt eine Unterscheidung der neu
hinzukommenden Inhalte von den zuvor gegebenen voraus, die
nur das Werk des Intellekts sein kann.%) Deutlich zeigt sich
hier das Verfahren, das Descartes gegenüher den sensualistischen
Einwänden durchgehend befolgt und das in der Tat allein radikal
und entscheidend ist: wie zuvor in der direkten Sinnessmpfindung,
so wird jetzt in dem Vermögen des „Gedächtnisses“
ain Faktor ausgesondert und blossgelegt, der auf einer reinen Einheitsbeziehung
des Denkens beruht. Weder unsere Einbildungskraft,
noch unsere Sinne können uns — wie der Discours de la
methode ausspricht — jemals irgend einer Sache versichern, wenn
nicht unser Verstand mit ihnen zusammenwirkt. Das Urteil
allein erschaflt und verbürgt die gegenständliche Existenz, die
lie naive und populäre Ansicht in der blossen Empfindung unmittelbar
enthalten glaubt.)
So notwendig dies Ergebnis aus den ersten methodischen
Voraussetzungen fliesst, so enthält es dennoch eine eigentümliche
Paradoxie, wenn wir es mit dem Ausgangspunkt unseres Problems
zusammenhalten. Einer unabhängigen Existenz wollten wir uns
versichern: die Antwort aber, die wir erhalten haben, scheint nur
der Frage zu spotten. Was wir die gegenständliche Wirklichkeit
eines Empfindungskomplexes nennen, das hat sich der tieferen
Analyse als ein Akt des Geistes enthüllt. Aus dem Bereich und
Umkreis, den das „Cogito“ zieht, gibt es keinen Ausweg: der Weg,
der uns am sichersten über die Grenzen des Ich hinauszuführen
schien, hat uns in Wahrheit wiederum in den eigensten Mittelpunkt
des Bewusstseins zurückgeleitet. Wieder scheint somit alle Wahrheit,
die das Denken für sich erringen kann, zu einer blossen
gesetzmässigen. Selbsttäuschung herabzusinken, zu einer Setzung
les Begriffs, der keine äussere Wirklichkeit entspricht.
7%