Das Objekt und die Urteilsfunktion.
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Eindrücke zurückbleiben; sie müssen auch mit allen übrigen In-
halten in Beziehung gesetzt und ihrer zeitlichen Stellung und
Ordnung nach mit ihnen verglichen werden. Nicht nur der ma-
teriale Gehalt einer Vorstellung muss aufbewahrt, auch der Zeit-
punkt ihrer Entstehung muss bestimmt und festgehalten werden,
damit wir von „Erinnerung“ an frühere Vorstellungsbilder spre-
chen können; dies aber setzt eine Unterscheidung der neu
hinzukommenden Inhalte von den zuvor gegebenen voraus, die
nur das Werk des Intellekts sein kann.%) Deutlich zeigt sich
hier das Verfahren, das Descartes gegenüher den sensualistischen
Einwänden durchgehend befolgt und das in der Tat allein radi-
kal und entscheidend ist: wie zuvor in der direkten Sinnes-
smpfindung, so wird jetzt in dem Vermögen des „Gedächtnisses“
ain Faktor ausgesondert und blossgelegt, der auf einer reinen Ein-
heitsbeziehung des Denkens beruht. Weder unsere Einbildungs-
kraft, noch unsere Sinne können uns — wie der Discours de la
methode ausspricht — jemals irgend einer Sache versichern, wenn
nicht unser Verstand mit ihnen zusammenwirkt. Das Urteil
allein erschaflt und verbürgt die gegenständliche Existenz, die
lie naive und populäre Ansicht in der blossen Empfindung un-
mittelbar enthalten glaubt.)
So notwendig dies Ergebnis aus den ersten methodischen
Voraussetzungen fliesst, so enthält es dennoch eine eigentümliche
Paradoxie, wenn wir es mit dem Ausgangspunkt unseres Problems
zusammenhalten. Einer unabhängigen Existenz wollten wir uns
versichern: die Antwort aber, die wir erhalten haben, scheint nur
der Frage zu spotten. Was wir die gegenständliche Wirklichkeit
eines Empfindungskomplexes nennen, das hat sich der tieferen
Analyse als ein Akt des Geistes enthüllt. Aus dem Bereich und
Umkreis, den das „Cogito“ zieht, gibt es keinen Ausweg: der Weg,
der uns am sichersten über die Grenzen des Ich hinauszuführen
schien, hat uns in Wahrheit wiederum in den eigensten Mittelpunkt
des Bewusstseins zurückgeleitet. Wieder scheint somit alle Wahr-
heit, die das Denken für sich erringen kann, zu einer blossen
gesetzmässigen. Selbsttäuschung herabzusinken, zu einer Setzung
les Begriffs, der keine äussere Wirklichkeit entspricht.
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