Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Fascal. 
Vertiefung der neuen empirischen Wissenschaft als Prinzipieller 
Irrweg.18) Die evidenten Grundwahrheiten der Mathematik, vor 
denen die Analyse der methodischen Hauptschrift Halt machte, 
werden jetzt in den Kreis der Skepsis hineingezogen. Ihre Wahr- 
heit ist nicht die des Denkens, das von sich selbst und seinem 
Grunde Rechenschaft abzulegen vermag, sondern die des Gefühls: 
„les principes se sentent“, Das Herz ist es, das uns die Gewissheit 
der Grundbegriffe von Raum und Zeit, Bewegung und Zahl verbürgt; 
das Herz empfindet, dass der Raum drei Dimensionen hat und 
dass die Zahlen unendlich sind (VIII, 6). Die Schranke zwischen 
den Fragen der Vernunft und der Theologie, zwischen „mathe- 
matischer“ und „moralischer“ Gewissheit ist gefallen. Und das 
Verdikt, das über unsere moralische „Natur“ gefällt wurde, ent- 
wurzelt daher in gleicher Weise unmittelbar den Grund aller 
wissenschaftlichen Erkenntnis. „Humiliez-vous, raison impuis- 
sante; taisez-vous, nature imbecile: apprenez que l’homme passe 
infiniment l’homme, et entendez de votre maitre votre condition 
veritable que vous ignorez“ (VII, 1). So sehen wir, wie der Be- 
griff der „klaren und deutlichen Perception“ sich unfähig erweist, 
der metaphysischen Entwertung und Vernichtung der Wissen- 
schaft entgegenzutreten. Und den Anfang und Grund zu der 
inneren Krisis, die dieser Begriff jetzt durchläuft, müssen wir 
im Systeme Descartes’ selbst suchen. Hier bereits fanden wir 
den Satz, dass wir, ehe wir über die Gewissheit der Axiome 
des Erkennens urteilen können, zuvor den Ursprung unseres 
Daseins durchschaut haben müssen; hier bereits wurde zuletzt 
die rationale Ordnung, verkehrt, indem die Geltung der notwen- 
wendigen Wahrheiten auf die Existenz und den Willen Gottes 
gestützt wurde. (S. ob. S. 426 f.) Die Fiktion des „Dieu trompeur“ 
ist jetzt zur Wahrheit geworden; die Annahme, die bei Descartes 
als absurd und nichtig erwiesen wurde, wird jetzt als ein not- 
wendiges Moment innerhalb des allgemeinen göttlichen Welt- 
plans erhärtet. Descartes durfte mit dieser Fiktion spielen, denn 
der Gedanke an die „Wahrhaftigkeit Gottes“ war ihm zuletzt 
nichts anderes als ein anderer Ausdruck für seinen Glauben an 
die Vernunft und ihre „eingeborenen Ideen“. Hier indes ist 
jeder Rückweg abgeschnitten: „der Pyrrhonismus ist die Wahr- 
aeit“. denn vor dem Erscheinen Christi gab es kein Mittel. den
	        
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