Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Pascal. 
deutung. Für Montaigne ist er ein durchgehend angewandtes, 
intellektuelles Verfahren; die Art und rastlose Betätigung der 
Forschung, die er in unvergleichlicher Weise schildert. „Nul 
asprit genereux ne s’arreste en soy: il pretend tousiours, et va 
dultre ses forces; il a des eslans au deläa de ses effects: s’il ne 
S’advance, et ne se presse, et ne s’accule, et ne se chocque et tour- 
nevire, il n’est vif qu'’äa demy; ses poursuites sont sans terme et 
sans forme; son aliment, c'est admiration, chasse, ambiguite“ 
‘Essais III, 13). Ist somit die Skepsis hier nichts anderes, als 
das Lebenselement und die beständige Form und Uebung des 
Geistes, so begreift es sich, dass in ihr zuletzt auch ein neuer 
und gültiger Inhalt des Geistes erarbeitet und entdeckt wird. 
S.ob. 5.176 ft.) Für Pascal dagegen ist der Zweifel mehr als eine 
derartige Methode, die Dinge zu befragen. Die skeptischen In- 
stanzen bedeuten ihm ein feststehendes Ergebnis, von dem er 
ausgeht. Sie hezeichnen diejenige Grundtatsache, an die seine 
philosophische Forschung anknüpft, während er das Prinzip zu 
ihrer Erklärung und Begründung im Dogma findet. Man ver- 
steht nach dieser ersten fundamentalen Umkehrung den charakte- 
ristischen Gegensatz in allen Endergebnissen, Wie Pascal die 
aeue Natur- und Geschichtsansicht, die Montaigne verkörpert, be- 
kämpft, so muss er sich in seiner Anschauung und Schätzung 
des Lebens und der empirischen Wirklichkeit von diesem — und 
mit ihm von der gesamten Renaissance — abscheiden. Das end- 
.iche Dasein erhält ihm erst, indem er es an eine jenseitige Ord- 
aung anknüpft, Sein und Zusammenhang; es bleibt, für sich selbst 
vetrachtet, ohne Wert und ohne Bedeutung. 
Treten uns hier noch überall die Grundzüge der miltel- 
alterlichen Weltansicht entgegen, so bedeutet doch Pascals Philo- 
sophie, wenigstens mittelbar, einen wichtigen Schritt zur Schei- 
dung des Alten und Neuen, Der Gegensatz zwischen scholastischer 
Theologie und neuerer Wissenschaft, der in Descartes’ System ab- 
sichtlich verdeckt war, ist jetzt in voller Schroftheit und Deutlich- 
keit erklärt. Es ist der Vorzug Pascals, dass er in der Ehrlichkeit 
und unverbrüchlichen Konsequenz seines Denkens ‚diesen Gegen- 
satz überall ans Licht zieht, während seine Genossen von Port- 
Royal, vor allem Arnauld, noch daran arbeiten, die Glaubens- 
lehre nach dem Gesichtspunkt des Cartesianismus zurechtzurücken
	        
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