Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Kritik der „Selbsterkenntnis“ . 
ATT 
Wiederholung die verschiedenen Gebilde aus sich hervorgehen 
liesse, bleibt uns versagt. Alle „klaren Ideen“ — an diesem Grund- 
gedanken der Cartesischen Methodeniehre hält Malebranche fest 
— erstrecken sich lediglich auf Beziehungen und gehen in ihnen 
auf; im Psychischen aber mag der einzelne gesonderte Inhalt 
noch so lebendig vor uns stehen und unser Bewusstsein ausfüllen: 
niemals vermögen wir ihn in ein zahlenmässig bestimmtes Ver- 
hältnis zu einem anderen zu setzen und beide auf ein gemein- 
sames Maass zurückzuführen. Das Problem der Psychophysik 
— wie wir es in moderner Sprache ausdrücken können — wird 
von Malebranche von Anfang an auf Grund allgemeiner logischer 
Erwägungen verworfen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Em- 
pfindungen, als subjektive Vorgänge betrachtet, sich irgendwie 
unmittelbar an einander messen liessen. Jeder Vergleich zwischen 
ihnen setzt vielmehr eine vorangehende, gedankliche Reduktion 
der verglichenen Inhalte, setzt die Zurückführung auf die objek- 
tiven Ursachen und Reize, die der räumlich-zeitlichen Erfahrung 
und damit der mathematischen Fixierung unterliegen, vorans.45) 
Um die psychischen Inhalte mit einander gesetzlich zu 
verknüpfen, gibt es somit kein anderes Mittel, als ihnen in 
der physischen Wirklichkeit ein Correlat, auf das wir sie be- 
ziehen, zu entdecken. Jetzt erklärt es sich, dass zwischen beiden 
Reihen die strengste lückenlose Entsprechung gefordert werden 
muss: fiele irgend ein Bewusstseinsinhalt aus dieser beständigen 
Zuordnung heraus, so stände er eben damit ausserhalb der objek- 
tiven Erkennbarkeit und der objektiven „Natur“. In dieser Folge- 
rung liegt der originale und eigentümliche Zug von Malebranches 
‚Okkasionalismus“. Die Theorie der „Gelegenheitsursachen“ ist, 
nach der metaphysischen Seite hin, schon vor ihm vollständig 
durchgebildet, Ueberall indes werden von ihr Körper und Seele 
als selbständige, unabhängige Wesenheiten gedacht, die nur dank 
einer zufälligen göttlichen Verfügung mit einander in Verknüpfung 
und Zusammenhang stehen. Clauberg, einer der ersten Be- 
gründer der Theorie, erklärt ausdrücklich, dass an diesem Punkte 
die unmittelbare Berufung auf die Allmacht Gottes, die überall 
sonst absurd wäre, logisch zu Recht besteht und die einzige mög- 
liche Lösung bildet.4%) Malebranche hat diese Berufung keines- 
wegs vermieden; und dennoch steht bei ihm das Problem von
	        
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