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Die Ideenlehre; — Malebranche.
Schritte leitet, zweifellos nicht der Vorgang in meinem Geiste,
vermöge dessen ich mir das Dreieck vorstelle. Denn dieser Vor-
gang, seine Entstehung und Eigenart ist für mich völlig in
Dunkel gehüllt, während der Begriff selbst, in allen seinen Teilen
und Merkmalen, mir klar und deutlich vor Augen steht. „Ich
sehe klar, dass, wenn ich in dem Quadrat von der Spitze eines
Winkels eine gerade Linie ziehe, die eine gegenüberliegende
Seite halbiert, das dadurch entstehende Dreieck ein Viertel des
ganzen Flächeninhalts ausmacht .., dass das Quadrat über der
Diagonale das Doppelte der ursprünglichen Figur ist u. s. w.
Die Beschaffenheit meines Geistes aber, die Art, in der die Idee
des Quadrates in mir vorhanden ist, ist mir so wenig bekannt,
dass ich in ihr Nichts zu. entdecken vermag. Zwar bin ich mir
bewusst, dass Ich es bin, der diese Idee erfasst, aber meine
innere Erfahrung lehrt mich nicht, auf welche Weise meine
Seele bestimmt sein muss, damit die begriffliche und sinnliche
Vorstellung der Weisse zustande kommt und ich mit ihrer Hilfe
eine bestimmte Figur erkenne oder wahrnehme. Zwischen unseren
‚Perzeptionen“ und unseren „Ideen“ besteht also derselbe Unter-
schied wie zwischen uns als erkennenden Subjekten und dem, was
von uns erkannt wird“.®) Deutlicher tritt dieser Gegensatz hervor,
wenn wir erwägen, dass der Inhalt der mathematischen Begriffe
jederzeit ein Allgemeines ist, das sich nicht in einer begrenzten
Anzahl von Beispielen erschöpft, sondern schlechterdings eine un-
endliche Mannigfaltigkeit von Fällen in sich schliesst: während
unsere Perzeption uns stets nur einen vereinzelten momentanen
Zustand des Bewusstseins erschliesst und für ihn einzustehen ver-
mag.%) Wären wir auf das Material beschränkt, das die ver-
schiedenen Zuständlichkeiten unseres Bewusstseins uns bieten, so
wäre jeder begriffliche Inhalt, jeder Gedanke, den wir fassen
können, nichts anderes als eine Anhäufung von Einzelvorstellungen.
Die Idee des Kreises würde nichts anderes bedeuten als das ver-
worrene Gesamtbild, das aus den wiederholten Wahrnehmungen
wirklicher Kreise in uns entsteht. Damit aber wäre sie ihres
eigentlichen Kerns und ihres wissenschaftlichen Gehalts beraubt.
Denn gerade dies ist das Vorrecht des mathematischen Begriffs,
dass er nicht induktorisch zusammengelesen wird, sondern dass
wir in ihm eine ursprüngliche Regel besitzen. vermöse deren wir