Arnaulds Einwände gegen die Ideenlehre. 499
danklichen Beziehung mit tatsächlichen räumlichen Verhältnissen
ist es, die Arnauld Malebranche vor allem Schuld gibt. Seine
ıdeenlehre ist, wie er ausführt, so gut wie die gewöhnliche, allgemeine
Wahrnehmungstheorie den Umständen und Tatsachen nachgebildet,
die man bei der Gesichtswahrnehmung beobachtet. Hier
findet sich das Objekt, das, um von uns erblickt zu werden, dem
Auge gegenwärtig sein oder ihm doch auf irgend eine Weise —
etwa durch einen Spiegel — mittelbar dargestellt werden muss: hier
scheinen daher nicht die Gegenstände selbst, sondern nur die
Abbilder, die sie auf unserer Netzhaut hervorbringen, der eigentliche
Inhalt zu sein, auf den der Akt des Sehens sich richtet.
Verfolgt man diesen Zusammenhang weiter, führt man den Analogieschluss
von dem körperlichen auf das geistige „Sehen“ zu
Ende, so sieht man sich daher notwendig zu dem Ergebnis geführt,
dass die Dinge der Aussenwelt sich in unmittelbarer Gegenwart
vor die Seele hinstellen, dass sie mit ihr verschmelzen
müssen, damit eine Erkenntnis von ihnen zustande kommt.
Diesem Ergebnis ist Malebranche so wenig wie die Scholastik
entgangen; wenn diese die Körper selbst vermittels einzelner
Teile, die sich von ihnen ablösen und die von unserem Geiste
zu intelligiblen Spezies umgestaltet werden, in unser Bewusstsein
hinüberwandern liess, so muss bei ihm das Selbst, ehe es
des Wissens fähig wird, mit der göttlichen Wesenheit als dem
Ort der Ideen, sich begegnen und sich berühren. Es ist derselbe
logische Grundirrtum, der uns bei ihm, wenngleich in spiritualistischer
Wendung und Fassung, entgegentritt.%) Das Sophisma,
das hier begangen wird, wird deutlich, wenn man den mehrdeutigen
Begriff der „Gegenwart“ des Erkenntnisobjektes auflöst.
Dass der Gegenstand, auf den unsere Urteile und Aussagen sich
beziehen, uns „gegenwärtig“ sein muss, ist freilich wahr; aber es
besagt nichts anderes, als dass er uns bekannt, dass er als Inhalt
des Bewusstseins gegeben sein muss. Malebranche und die Scholastik
aber deuten diesen Satz, der im Grunde eine leere Tautologie
ist, zu einem wirklich bestehenden metaphysischen Faktum
um: sie nehmen die Gegenwart des Objektes im Subjekt als ein
sachliches Verhältnis, das der Tatsache des Bewusstseins vorausliegt
und sie erst ermöglicht.®)
Der Wert dieser kritischen Bemerkungen wird nicht dadurch
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