Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Vorstellung“ und ihr Gegenstand. 501

gen, die sich in der Idee der Ausdehnung zusammenfassen, zurückführt.
 (Vergl. ob. S. 4171). Der unmittelbare Inhalt der Gesichtswahraehmung
 geht völlig in verschiedenen Helligkeiten und Farben
auf, die in mannigfachen Ahstufungen einander folgen: um aus
diesem Grundstoff die Welt unserer sinnlichen Erfahrung, die Welt
der Körper aufzubauen, müssen wir vor allem die Unterschiede
der direkten Wahrnehmung auf räumliche Unterschiede zurückführen,
 müssen wir bestimmte Empfindungen mit bestimmten
Teilen der „idealen Ausdehnung“ verknüpfen und auf sie beziehen.
Der Gegenstand, den wir in den verschiedenen Daten des Gesichtssinnes
 wahrhaft anschauen, ist somit nichts anderes, als eben
diese ideale Ausdehnung selbst, die sich uns, je nach den besonderen
 physiologischen Bedingungen, unter denen wir sie wahrnehmen,
 mit mannigfachen subjektiven Qualitäten bekleidet darstellt.8%)
 Freilich macht sich auch an diesem Punkt alsbald die
Umkehrung bemerkbar, die für Malebranches Ideenlehre bezeichnend
 ist. Während in der ersten Betrachtungsweise die reinen
geometrischen Beziehungen die Regel und den Richtpunkt für alle
besonderen Erkenntnisse abgeben, werden sie, nachdem der Weg
durchmessen, zur voraufgehenden sachlichen Bedingung hypostasiert.
 Die Idee des unendlichen Raumes muss nunmehr die Seele
bestimmen und „affizieren“, damit. in ihr das Bewusstsein von
einer Mehrheit von Objekten entsteht. Wenn wir ferner Eindrücke
verschiedener Sinnesgebiete dennoch auf Einen Gegenstand zurückführen,
 wenn wir etwa eine bestimmte Gesichts- und eine bestimmte
 Temperaturempfindung gleichmässig auf ein und dieselbe
Hand beziehen, statt sie verschiedenen Objekten zuzuordnen, so
wird auch dies jetzt daraus erklärt, dass es derselbe Teil der Ausdehnung
 ist, der mein Ich jetzt mit der Empfindung der Wärme,
jetzt mit der der Farbe modifiziert. Die „Ideen“ der Dinge
gehen somit vor den mannigfachen Perzeptionen, die wir durch
sie erhalten, voraus; „sie sind nicht einfache Bestimmungen des
Geistes, sondern die wirklichen Ursachen dieser Bestimmungen“
 (ce ne sont donc point de simples modifications de
l’esprit, mais les causes veritables de ces.modifications).®)
Wieder ist hier ein echtes erkenntniskritisches Problem gestellt
und wieder lenkt die Lösung in die Bahnen der Metaphysik ein.
Malebranche erkennt und spricht es aus. dass die Einheit des
            
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