Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Bayle und Montaigne.

505

taignes vergleicht. Der formale Grundunterschied, der sich
hier besonders aufdrängt: der Gegensatz zwischen der Anmut von
Montaignes aphoristischem Stil und der breiten und gelehrten
Gründlichkeit, mit der Bayle sein Thema angreift und kraft immer
neuer „Distinktionen“ verfolgt und zerlegt, weist zugleich auf eine
tiefere sachliche Unterscheidung hin. Für Montaigne bildet alles
loss philologische und geschichtliche Wissen einen Teil jenes
‚Pedantismus“, den er als das Grundübel der herkömmlichen Erziehungslehre
 bekämpft. Die aufgedrungene Kenntnis des Fremden
ist es, die uns überall die Entdeckung des Eigenen verwehrt; die
Bücher sind es, die die. unübersteigliche Scheidewand zwischen
anserem Geist und den Dingen bilden. Jede neue Erläuterung,
die wir an ihnen versuchen, wird uns unter unseren Händen zu
einer neuen Dunkelheit: Kommentar häuft sich auf Kommentar,
um die eine Wahrheit zu zerstückeln und in sich selbst zweideutig
 zu machen. „Nous ouvrons Ja matiere, et l’espandons en
la destrempant: d’un subiect nous en faisons mille, et retumbons;
en multipliant et subdivisant, ä l’infinite des atomes d’Epicurus .. .
L’homme ne faiet que fureter et quester, et va sans cesse tournoyant,
 bastissant, et s’empestrant en sa besogne, comme nos
vers ä soye et s’y estonffe; mus in pice.“ (Essais III, 13), Es
ist, als hätte Montaigne in diesen Worten die schriftstellerische
Art von Bayles „Dictionnaire“, mit der Fülle seiner Zitate und
Verweisungen, seiner Repliken und Dupliken vorweg geschildert.
Aber man darf in dieser scholastischen Gestalt und Hülle
nicht lediglich ein Zeichen des Rückschrittes sehen: vielmehr
birgt sich in ihr zugleich das Bewusstsein einer neuen positiven
Aufgabe. Das System Descartes’, wie sehr es von dem Gedanken
beherrscht war, die Eigentümlichkeit des „Geistigen‘“ gegenüber
aller Wirklichkeit der Natur zu behaupten, hatte dennoch mit
3inem Ergebnis geendet, das, eben an dieser Grundabsicht gemessen,
 ungenügend und problematisch blieb. Die Natur war
dem Denken ein- und untergeordnet und in ein festes System der
Erkenntnis verwandelt; die äussere Existenz wurde den Gesetzen
des Bewusstseins unterworfen. Aber eben die eigensten und
nächsten Probleme des Selbstbewusstseins waren hier uoch nicht
selbständig und aus einem festen Mittelpunkt heraus gestaltet: es
[ehlt der Cartesischen Philosophie an einer sicheren Grundlegung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.