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Bayle.
jedes Dogma, sofern es nicht vor dem höchsten Gerichtshof der
Vernunft rechtskräftig gemacht, von ihm registriert und beglaubigt
ist, schwankende Autorität besitzt und zerbrechlich wie Glas ist.“
Welchen neuen Inhalt uns somit immer die Offenbarung zu
erschliessen vermag: ihr eigentlicher Rechtsgrund darf dennoch
kein Mysterium bleiben, sondern muss sich uns in unserem eigeaen
Selbst enthüllen: „in dem klaren und lebendigen Lichte, das
alle Menschen gleichmässig erleuchtet und unwiderstehlich überzeugt,
sobald sie die Augen des Geistes darauf richten.“ Hier
besitzen wir das Kriterium, an dem vor allem jeder sittliche
Anspruch, der an uns herantritt, aufs neue geprüft werden muss,
so klar und fest er immer in einer übersinnlichen Autorität
verbürgt und beglaubigt erscheinen mag. Für die echte Ethik
verschwindet gleichsam der Gesichtspunkt der Zeit und der
Veberlieferung: was sie nicht unter der Form des Ewigen aus
den Gesetzen des Bewusstseins abzuleiten vermag, das besitzt für
sie keine bindende Kraft. Wenn die Theologen der Cartesischen
Schule, wenn insbesondere Arnauld die „eingeborenen Ideen“ des
Sittlichen vom Standpunkt der geschichtlichen „Erfahrung“ kritisiert
und als leere und willkürliche Allgemeinbegriffe verworfen
hatten, so bedeutet für Bayle eben jene „Abstraktion“, durch
die wir die dauernde Regel aus den relativen Satzungen und Gewohnheiten
herauslösen, die eigentliche Kraft und Bewährung der
Vernunft, Alle Träume und Visionen, alle Wunder und Erscheinungen,
auf die man den Glauben stützen will, müssen durch
dieses Sieb hindurchgehen: „wie könnte man sich sonst versichern,
ob sie von einem guten oder bösen Prinzip herstammen?“
„Erdreistet sich somit jemand, zu behaupten, dass Gott uns ein
Gebot offenhart hat, das unseren grundlegenden sittlichen Prinzipien
widerstreitet, so muss man ihm entgegentreten und ihn
bedeuten, dass er einer falschen Auslegung folgt: besser, dass das
Zeugnis seiner Kritik und Grammatik, als dass das der Veraunft
verworfen werde.“ Es hiesse das furchtbarste Chaos und den
verwerflichsten Pyrrhonismus einführen, wenn man diese Regel
antasten, wenn man leugnen wollte, dass jeder besondere Glaubenssatz
seine eigentliche Sanktion erst in der Prüfung durch das individuelle
Gewissen erhält. Die Skepsis erweist sich auch hier
wieder mit den Motiven und Grundgedanken der religiösen Be-