Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

514 
Bayle. 
Macht der positiven Glaubenslehren sich bisher überall nur in 
der Kraft der Verfolgung gegen Andersdenkende, nicht in der 
Rückwirkung auf das eigene Tun, bewährt habe. Es heisst die 
Sittlichkeit entwurzeln, wenn sie auf das Ansehen eines Einzelnen 
oder auf das Vorbild des Religionsstifters gestützt wird; wo ein 
geschichtliches Individuum in seiner Relativität zum unbedingten 
Maassstab wird, da ist die ewige „Idee“ des Guten bereits ver- 
lassen.) So gestaltet sich auch hier der Widerstreit zwischen 
Vernunft und Glauben schroffer und unversöhnlicher als zuvor: 
die Schlussfolgerung aber, die daraus gezogen wird, ist derjenigen 
auf dem theoretischen Gebiet durchaus entgegengesetzt. Die Ver- 
nunft, die sich dort dem Dogma gefangen gab, erkennt sich nun- 
mehr als fähig und zureichend, das Ganze der individuellen Le- 
bensführung zu bestimmen und die Formen der empirischen 
Gemeinschaft zu erschaffen. 
Beide Ergebnisse, so unvereinbar sie uns scheinen mögen, 
sind für Bayle nicht getrennt, sondern bilden in ihm eine un- 
mittelbare, persönliche Einheit. Ihm innere Unwahrhaftigkeit 
vorzuwerfen, wäre nur dann berechtigt, wenn sich nicht die ge- 
schichtlichen und psychologischen Bedingungen aufzeigen liessen, 
aus denen der Zwiespalt in ihm notwendig folgt und sich erklärt. 
„Bayles Glaube — so urteilt Feuerbach — war ein Akt der Selbst- 
verleugnung, eine Schranke, die er sich selbst setzte, eine eben 
deswegen an sich willkürliche Schranke, die freiwillige Negation 
seines Geistes, wie sein Geist die Negation seines Glaubens war. 
... Bayle schliesst aus den Einwürfen der Vernunft gegen den 
Glauben nicht auf die Nichtigkeit der Dogmen, sondern auf die 
Nichtigkeit der Vernunft ... Sein Glaube ist eine freiwillige Ab- 
stinenz und Pönitenz seiner Vernunft. Aber gleichwohl war Bayle 
kein Heuchler. Er ist ein Freigeist aus Notwendigkeit. Bei dem 
Heuchler ist das Aeussere im Widerspruch mit dem Innern, das 
Innere die Negation des Aeussern und umgekehrt. Aber Bayle 
war in sich selbst im Widerspruch. Er heuchelte nicht 
den Glauben; er glaubte wirklich, aber er glaubte im Wider- 
spruch mit sich, mit seiner Natur, seinem Geiste“.1®) Man kann 
indes selbst diesen inneren Widerspruch schlichten, wenn man 
sich — was durch die literarische Form des Dietionnaire freilich 
erschwert wird — das Ganze seiner philosophischen Grund-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.