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Bayle.
Macht der positiven Glaubenslehren sich bisher überall nur in
der Kraft der Verfolgung gegen Andersdenkende, nicht in der
Rückwirkung auf das eigene Tun, bewährt habe. Es heisst die
Sittlichkeit entwurzeln, wenn sie auf das Ansehen eines Einzelnen
oder auf das Vorbild des Religionsstifters gestützt wird; wo ein
geschichtliches Individuum in seiner Relativität zum unbedingten
Maassstab wird, da ist die ewige „Idee“ des Guten bereits ver-
lassen.) So gestaltet sich auch hier der Widerstreit zwischen
Vernunft und Glauben schroffer und unversöhnlicher als zuvor:
die Schlussfolgerung aber, die daraus gezogen wird, ist derjenigen
auf dem theoretischen Gebiet durchaus entgegengesetzt. Die Ver-
nunft, die sich dort dem Dogma gefangen gab, erkennt sich nun-
mehr als fähig und zureichend, das Ganze der individuellen Le-
bensführung zu bestimmen und die Formen der empirischen
Gemeinschaft zu erschaffen.
Beide Ergebnisse, so unvereinbar sie uns scheinen mögen,
sind für Bayle nicht getrennt, sondern bilden in ihm eine un-
mittelbare, persönliche Einheit. Ihm innere Unwahrhaftigkeit
vorzuwerfen, wäre nur dann berechtigt, wenn sich nicht die ge-
schichtlichen und psychologischen Bedingungen aufzeigen liessen,
aus denen der Zwiespalt in ihm notwendig folgt und sich erklärt.
„Bayles Glaube — so urteilt Feuerbach — war ein Akt der Selbst-
verleugnung, eine Schranke, die er sich selbst setzte, eine eben
deswegen an sich willkürliche Schranke, die freiwillige Negation
seines Geistes, wie sein Geist die Negation seines Glaubens war.
... Bayle schliesst aus den Einwürfen der Vernunft gegen den
Glauben nicht auf die Nichtigkeit der Dogmen, sondern auf die
Nichtigkeit der Vernunft ... Sein Glaube ist eine freiwillige Ab-
stinenz und Pönitenz seiner Vernunft. Aber gleichwohl war Bayle
kein Heuchler. Er ist ein Freigeist aus Notwendigkeit. Bei dem
Heuchler ist das Aeussere im Widerspruch mit dem Innern, das
Innere die Negation des Aeussern und umgekehrt. Aber Bayle
war in sich selbst im Widerspruch. Er heuchelte nicht
den Glauben; er glaubte wirklich, aber er glaubte im Wider-
spruch mit sich, mit seiner Natur, seinem Geiste“.1®) Man kann
indes selbst diesen inneren Widerspruch schlichten, wenn man
sich — was durch die literarische Form des Dietionnaire freilich
erschwert wird — das Ganze seiner philosophischen Grund-