Das ethische Ziel der Bayleschen Skepsis. 515
absicht beständig vor Augen hält. Bayle hat das sacrificium
intellectus gebracht, er hat die theoretische Vernunft geopfert,
um der sittlichen Vernunft unbedingtes und freies Feld zu
schaffen. Je erhabener und unbegreiflicher er das Dogma schil-
dert, und in um so weitere Ferne er es damit rückte, desto mehr
sicherte er das unmittelbare empirische Leben vor seinen Ein-
zriffen und Uebergriffen. Die Ethik — das ist der feste Punkt,
in dem er wurzelt — geht ihm in der Vernunft auf: die Kluft
zwischen Vernunft und Dogma erweitern, heisst somit zugleich,
dem Einfluss des Dogmas auf die sittliche Beurteilung und Be-
tätigung steuern. Der „Glaube“ an die Mysterien, an das „Sein“
des Uebersinnlichen ist der Preis, den er für die Erreichung dieses
Hauptziels einsetzt. Die Persönlichkeit Bayles spricht nirgends
lebendiger und eindrucksvoller zu uns, als in einer philoso-
phischen Gelegenheitsschrift, die nach Aufhebung des Edikts
von Nantes zur Verteidigung der Glaubensfreiheit geschrieben
ist.10%) Hier hat er Worte von einer Kraft und Freiheit der Ge-
sinnung und von einer polemischen Schärfe und Bitterkeit ge-
funden, die unvergesslich sind. Hier sehen wir denn auch den
Kern seiner geschichtlichen Aufgabe rein und losgelöst von allen
fremden Bestandteilen vor uns. Nicht die wissenschaftliche Ein-
sicht, sondern die religiöse Duldung ist der Endzweck, auf den
seine Aufklärung abzielt. Sein kritisches Interesse erlahmt, so-
bald ihm dieser Zweck gesichert scheint, und das paradoxe Ge-
(üge des Systems brachte es mit sich, dass er glauben konnte, ihn
unter Preisgabe der Wissenschaft am gewissesten und gefahr-
losesten erreichen zu können.
Freilich ist damit zuletzt weder der Vernunft, die keine
Möglichkeit mehr besitzt, ihr Reich theoretisch zu festigen und
auszubauen, noch auch dem Glauben gedient. Denn welcher
Wert bleibt noch einer Religion, die unseren Verstand mit dunklen
Rätseln quält und die sich der Einwirkung auf unseren sittlichen
Willen grundsätzlich begeben muss? Der Zwiespalt aber, der
hier zurückbleibt, hat wiederum einen tieferen sachlichen Grund:
er erklärt sich, wenn man die psychologische Grundauf-
fassung des Menschen betrachtet, von der Bayle seinen Aus-
gang nimmt. Montaigne hatte gegen alle Zweifel seines theore-
tischen und sittlichen Relativismus einen festen Ankerpunkt im
RR