Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung. 
kenntnisproblem ein weiterer und freierer Ausblick zu erschliessen. 
Denn so sehr das logische Motiv sich in der Platonischen Spe- 
kulation als bestimmend erwies, so bildet hier dennoch die Logik 
keine Sonderdisziplin, die abgetrennt von der „Dialektik“ be- 
stände und betrachtet werden könnte. Was an methodischen Ein- 
sichten von Platon erarbeitet wird, das gehört für ihn zugleich 
unmittelbar zum eigentlichen Sachgehalt der Ideenlehre. Bei 
Aristoteles erst gelangen die einzelnen Formen und Formeln des 
Denkens und der Beweisführung, abgesehen von der Materie, auf 
die sie sich beziehen, zu selbständiger Untersuchung und Fest- 
stellung. Die Zergliederung des Wissens scheint also hier erst 
bei dem reinen Ausdruck des Problems angelangt und die ge- 
samte Frage auf eine höhere Stufe der Reflexion erhoben zu sein. 
Vertieft man sich indes in die Bedingungen und die Struktur 
der Aristotelischen Lehre, so erweist sich dieser Schein alsbald 
als trügerisch. Man erkennt, dass die Logik ihre grössere Frei- 
heit und formale Selbständigkeit damit erkauft hat, dass sie auf- 
gehört hat, ein zentrales Motiv für den Aufbau des Ganzen zu sein. 
50 eingehend und subtil ihre Behandlung ist: für die Gesamtheit 
des Systems bedeutet sie doch nur noch ein Aussen- und Neben- 
werk. Denn dieses System ruht ganz auf einer Anschauung und 
Deutung des Naturgeschehens, die von dem metaphysisehen Be- 
griff des Zweckes beherrscht ist. Die Erkenntnislehre des Ari- 
stoteles bildet nur einen Teil seiner Psychologie, die selbst wie- 
derum nur im Zusammenhang mit seiner biologischen Grund- 
ansicht zu verstehen ist. Aus dem biologischen Prinzip der Ent- 
wickelung sollen wir, wie das Sein der Dinge, so auch die Art 
und die Möglichkeit ihrer Erkenntnis begreifen lernen. Alles Ge- 
schehen und alle Umbildung innerhalb der Natur setzt bestimmte 
ursprünglich vorhandene Formen voraus, die eine ihnen ent- 
gegenstehende Materie sich zu unterwerfen und nach sich zu ge- 
stalten streben. In unlöslicher Wechselbeziehung wirken diese 
beiden Grundmächte des Seins zusammen, um alle Einzelbestim- 
mungen zu erzeugen und hervorzutreiben. Nicht abgesondert vom 
Stoffe hat die Form ein selbstgenügsames Dasein, sondern all ihr 
Sein erfüllt sich in der ziel- und richtunggebenden Kraft, die sie 
auf die Materie ausübt. So ist sie, wie der Anstoss und die Ur- 
sache der Bewegung, zugleich der Zweck, dem eine bestimmte
	        
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