Nikolaus Cusanus.
Gegensatz und das Widerspiel zu aller logischen und metaphysischen
Begründung und Ableitung.) Dem Individuum ist
der Anteil am Sein im letzten und höchsten Sinne versagt; wir
müssen es als irrationales Faktum hinnehmen, ohne ihm seinen
Bestand und seine Geltung in einem eigenen Prinzip sichern
zu können, Diese Folgerung aber, zu der Cusas Gotteslehre in ihrer
ırsprünglichen Gestalt hindrängt, enthält zugleich die Aufforderung
und das innere Motiv der Umkehr in sich. Je weiter die
Entwicklung von Cusas Philosophie fortschreitet, um so deutlicher
tritt neben dem Bestreben, das göttliche Sein in seiner unvermischten
Reinheit festzuhalten, die Tendenz hervor, das Einzelwesen
in seinem Eigenwerte zu begreifen und in seiner endlichen
3esonderheit zu behaupten. Mit diesem Zuge erst wird seine Lehre
zum Ursprung und Vorbild der Philosophie der Renaissance.
Jedes Geschöpf ist, innerhalb der Schranken, die ihm durch seine
Sondernatur gesetzt sind, in sich selbst vollendet; all sein
Streben kann nur darauf gerichtet sein, die ihm eigentümliche
Wesenheit nicht zu überschreiten, sondern vollständig zu erfüllen
und zu verkörpern. Auch die Erhebung zum Absoluten kann daher
nun nicht mehr schlechthin in der Verneinung des eigenen,
spezifischen Seins der „Kreatur“ gesucht werden. Die einzelne Erscheinung
ist nicht mehr der unversöhnliche Gegensatz zum Sein
des Unendlichen; sie ist der notwendige Ausgangspunkt und das
Symbol, das uns allein zu seiner Erfassung hinzuleiten vermag.
Die zweite, reife Epoche von Cusas Philosophie hat diesen Gedanken
zu voller Klarheit fortentwickelt. Er selbst spricht es aus,
dass er das Absolute, das er zuvor jenseits aller Kraft unserer Erkenntnis,
jenseits aller Mannigfaltigkeit und Entgegensetzung gesucht
habe, nunmehr in der geschaffenen Welt selbst zu ergreifen
und festzuhalten trachte.?) Um ins Unendliche zu schreiten, brauchen
wir nur im Endlichen nach allen Seiten zu gehen: das Geschöpf
ist nichts anderes, als die Selbstdarstellung und Selbstoffenbarung
des Schöpfers.‘) Damit aber ist ein neuer Weg gewiesen
und eine neue Aufgabe gestellt. Die wissenschaftliche Vertiefung
in die empirische Besonderung der Dinge ist zugleich der Weg zur
rechten Erkenntnis des Göttlichen. Mit der deutschen Mystik berührt
sich Cusa in dem Gedanken, dass Endliches und Unendliches
gleich notwendige Momente sind, dass sie sich wechselseitig