Die „docta ignorantia“ als KErhenntnismiltel.
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leuchtet.) Jetzt ist die Unendlichkeit nicht mehr die Schranke,
sondern die Selbstbejahung der Vernunft. „Von grösserer Freude
wird erfüllt, wer einen unermesslichen und unzählbaren Schatz,
als wer einen zählbaren und endlichen findet: so ist auch das
heilige Nichtwissen die erwünschteste Nahrung meines Geistes,
zumal ich diesen Schatz in meinem eigenen Acker finde und
er mir somit als Eigentum zugehört.“ *)
Immer von neuem und in mannigfachen Formen wiederholt
Cusanus diesen Gedanken, der in der Tat eine innere geschicht-
liche Wandlung bezeichnet.!) Dem Mittelalter gilt das Objekt des
höchsten Wissens als transscendent: nur eine unmittelbare äussere
Gnadenwirkung vermag den Geist zu seiner Anschauung zu erheben,
zu der er aus eigenen Mitteln unzureichend bleibt. Auf der anderen
Seite indess ist das System der göttlichen Wahrheit ein festes, in
sich abgeschlossenes Ganze, das uns, unabhängig von aller Ar-
beit der Vernunft und der Forschung, fertig und gestaltet darge-
reicht und gegeben wird. Das ist der Grundwiderspruch, in dem
die scholastische Philosophie besteht: dass sie einen unendlichen
und transscendenten Gegenstand durch einen fest begrenzten und
fixierten Inbegriff dogmatischer Einzelsätze zu erfassen und zu
erschöpfen trachtet. Die neuere Zeit beginnt nach beiden Rich-
tungen, nach der subjektiven wie der objektiven Seite hin, mit
einer Umkehr der bisherigen Anschauung. Der Gegenstand, auf
den sie hinblickt, ist dem Geiste immanent: das Bewusstsein
selbst und seine Gesetzlichkeit bedingt und umgrenzt das Objekt
der Erkenntnis. Und dennoch muss der Prozess, in dem wir dieses
neue Sein zur wissenschaftlichen Bestimmung zu bringen suchen,
prinzipiell als unabschliessbar gedacht werden. Die endliche em-
pirische Existenz ist niemals völlig erkannt, sondern liegt als Auf-
gabe der Forschung beständig vor uns. Der Charakter der Unend-
lichkeit ist von dem Gegenstand der Erkenntnis auf die Funk-
tion der Erkenntnis übergegangen. Das Objekt des Wissens, ob-
wohl es von demselben Stoffe, wie der Geist ist, obwohl es diesem
also völlig durchsichtig und innerlich begreiflich ist, bleibt doch
auf jeder einzelnen Stufe des Wissens unbegriffen. In dieser
skeptischen Einsicht stellt sich der neue Glaube der Vernunft an
sich selber dar. Beide Grundmomente des neuen Verhältnisses sind
in Cusas Philosophie im Keime enthalten: denn wie er auf der