)Vikolaus Cusanus.
muss, Der Prozess des Zweifelns und Untersuchens, das „posse
quaerere‘“ ist ohne die absolute Existenz, das „posse ipsum“, nicht
möglich; jede Frage über Gott trägt somit die Gewissheit der
Existenz Gottes und damit den Keim ihrer Lösung in sich selbst. >)
Als Beispiel für diesen grundlegenden Zusammenhang aber weist
Cusanus auf die Wissenschaft und ihr Verfahren zurück. Wer
die Quadratur des Zirkels sucht, der muss notwendig, noch. ehe
er sie durch die Tat und das Ergebnis der Forschung belegen
kann, eine Gleichheit zwischen geradlinigen und krummlinigen
Figuren als möglich voraussetzen: der muss somit einen
reinen allgemeinen Begriff der Grösse und der Gleich-
heit in sich tragen, die er, entgegen allen widerstreitenden Indizien
der Sinnlichkeit festhält und zu Grunde legt. „Und hier eröffnet
sich uns die Lösung des Geheimnisses, dass nämlich der Forschende
das, was er sucht, voraussetzt und zugleich, sofern er es sucht,
nicht voraussetzt. Denn wer immer zu wissen begehrt,
setzt voraus, dass es eine Wissenschaft gibt, vermöge deren
der Wissende zum Wissenden wird. Wer zweifelt, der wird da-
zu bestimmt und angestachelt von dem Gedanken einer unend-
lichen Erkenntnis, die alle mögliche Wahrheit enthält und in sich
fasst‘“.5) Von neuem bewährt sich der Begriff der „docta ignorantia“ :
im Bewusstsein des Nichtwissens enthüllt sich uns der unbedingte
Massstab und das positive Ideal des Wissens. „Was in jeder Frage
vorausgesetzt wird, das ist zugleich das Licht, das uns zu dem
Gefragten hinleitet“.%) Aber dieses Licht strahlt jetzt nicht mehr
schlechthin von dem unendlichen Sein, sondern von dem Begrifl
der unendlichen Erkenntnis, von der „scientia infinita“ als der
supponierten Einheit alles Wissens aus, Und wir können bei Cusa-
nus selbst die genaue Vermittlung aufzeigen, durch die sich dieser
gedankliche Uebergang vollzieht. Das Sein Gottes — so argumen-
tieren die „Predigten“ — lässt sich niemals leugnen, noch durch
irgend ein Schlussverfahren erschüttern. Denn wer behauptet, dass
Gott nicht existiert, der stellt doch eben diese Behauptung als einen
wahren Satz hin; er gibt somit jedenfalls zu, dass es eine Wahr-
heit gibt, dass es also auch eine unbedingte Notwendigkeit des
Seins geben muss, die nichts weiter als eben jene Wahrheit selbst
ist und von der alles, was existiert, sein Dasein hat.?’) Es ist leicht
zu sehen, dass diese Form des ontologischen Arguments nicht zwin-