Full text : Moderne Rechtsprobleme

Weltplan, Statistik und Willensfreiheit. 25

Daher ist es sehr wohl möglich, daß Gott in Bezug auf die
künftige Sünde des Menschen unfrei, in Bezug auf die Ergeb—
nisse derselben frei ist, und damit ist die göttliche Ursächlichkeit
in Bezug auf das Schlußresultat gewahrt. So kann etwa auch
die Stelle des Duns Scotus de rerum principio qu. 3 art. 8
8 21 verstanden werden: Quamvis autem haece volita in se et
in suis causis proximis habeant contingentiam, relata tamen
ad divinum intuitum et beneplacitum sie éveniunt, ut sunt
praevolita et praevisa. *)
Daß ferner die statistische Beobachtung, welche uns kund—
giebt, wie die Verbrechen und überhaupt die menschlichen Hand—
lungen in großen Mengenverhältnissen eine gewisse Gesetzmäßig—
keit zeigen, der Willensfreiheit nicht widerspricht, ist schon längst
erkannt worden. Würden wir uns auch die Willensfreiheit als
völlig im Stadium des absoluten Indeterminismus denken,
würden wir uns das menschliche Handeln als völlig zufällig und
durch keine Einflüsse bewegt vorstellen, so müßten doch die Er—
gebnisse in großen Zahlenverhältnissen eine gewisse Gleich—
heit darstellen, denn jeder Zufall wird in der Vielheit der Zufalls—
entwicklung einen gewissen Pendelschlag auf- und abwärts zeigen.
Ebenso wie die Roulette am Spieltisch, wenn wir uns taufend
und abertausend Fälle denken, zu bestimmten Schlußergebnissen
führen muß, ebenso müßte auch ein völlig zufälliges Handeln
schließlich gewisse Zahlen nach rechts oder links ergeben: es wäre
doch kein Grund vorhanden, daß das Handeln sich stets nach rechts
oder stets nach links bewegte, und darum müßte die Wahrscheinlich—
keitsrechnung gelten: auch der Zufall hat seine Gesetze, und zwar auch
der blinde Zufall, auch der Zufall, der nicht durch bestimmbare
Kräfte beeinflußt würde. Nun ist aber der absolute Indeter—
minismus verfehlt (vgl. S. 42), und das Handeln des Menschen
bewegt sich innerhalb eines bestimmten, durch die Motive und
den Charakter beeinflußten Kreises, weshalb schon hierwegen,
mit Rücksicht auf das Gleichbleibende der menschlichen Bean—
lagung und Beeinflussung, eine gewisse Gesetzmäßigkeit der
Ergebnisse notwendig ist.

) Seeberg, Duns Scotus S. 154. 225.
            
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