Full text : Moderne Rechtsprobleme

Verbrechertypen in Leben und Dichtung. 61

Tätigkeit des Verstandes ebenso wenig trübt wie die normale
Wirksamkeit der vorhandenen Gefühle. Auch der Ausdruck:
moralisch Schwachsinnige ist nicht zutreffend, denn es handelt sich
hier vielfach um höchst begabte Naturen, während der Ausdruck
dahin zu deuten scheint, daß ihr Sinn überhaupt schwach sei und
der moralische Mangel in einer mangelhaften Entwicklung der
—D DDD——
in der Betrachtung auf Abwege.
Ich halte den Ausdruck gewissenlose Verbrecher für den zu—
treffendsten und sehe ihre Eigenheit eben in dem Mangel der
sozialen Natur ihres Wesens, in dem völligen Egozentrischen ihrer
ganzen Denk- und Anschauungsweise.
Seiner Zeit habe ich auch den politischen Verbrecher als eine
besondere Art der Verbrecher gekennzeichnet. Er steht aber nicht
außerhalb dieser zwei Gruppen, sondern innerhalb. Der politische
Verbrecher kann und wird gewöhnlich ein Leidenschaftsverbrecher
sein, indem die Leidenschaft hier keine egoistische, sondern eine
altruistische ist und die Hingabe an den einen Zweck alle anderen
Bestrebungen überwindet. Auf der anderen Seite ist auch Ge—
wissenlosigkeit nicht ausgeschlossen, denn die Gewissenlosigkeit ver—
trägt sich mit einem großen Grade von Altruismus insofern, als
die Fremdbestrebungen, sofern sie das Wesen des Täters erfüllen,
an Stelle der eigensüchtigen Bestrebungen treten.

827.

Über diese Verbrechertypen habe ich gelegentlich Shakespeares
geschrieben und gezeigt, wie der Herzenskündiger auch hier in die
Tiefen der Menschenseelen hineingeleuchtet hat.“) Bevor ich hierauf
zurückkomme, muß ich mich gegen einige unerhörte Mißverständ⸗
nisse wehren. Sie gipfeln darin, daß die heroischen Gestalten
Shakespeares überhaupt nicht unter die Verbrechertypen eingereiht
werden dürften, weil fie jenseits Gut und Böse stünden, weshalb
jede strafrechtliche Würdigung zu unterbleiben hätte. Nichts ist
verkehrter als dieses. Natürlich kann eine Person bei all ihren
Verbrechen so sehr über die anderen hervorragen und eine solche
leitende Stellung einnehmen, daß ihre Ruchlosigkeit hinter der
Übermenschlichkeit zurücktritt. Niemand wird seit Nietzsche be—
streiten, daß in der Geschichte nicht die moralische Bedeutung

*) Verbrechertypen in Shakespeares Dramen GBerlin).
            
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