694 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
lichen Standes. Dessen geistige Haltung aber war lange Zeit
hindurch, von etwa 1720 oder 1730 ab bis tief hinein in die
zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, vornehmlich durch Inter—
essen ganz anderer als politischer Art bestimmt: er suchte die
Verwirklichung der ihm innewohnenden demokratischen Tendenz
da, wo sie zunächst am leichtesten zu erreichen war, auf geistigem,
literarischem, wissenschaftlichem Gebiete; und überließ es zu—
nächst den Obrigkeiten, die politischen Folgerungen zu ziehen,
soweit sie dies wollten. In diesem Sinne und Zusammenhange
war in Deutschland seit etwa 1730 bis 1740 eine aufgeklärte
Monarchie möglich, d. h. eine Monarchie, die teilweise schon
unter den politischen Reflexen des Geisteslebens des Bürger⸗
tums arbeitete.
An dieser Stelle indes hält unsere Erzählung noch vor
der Mitte des 18. Jahrhunderts inne: und da findet sie denn
den Großen Kurfürsten und seine Nachfolger bis auf Friedrich
den Großen nach innen hin noch nirgends von den be—
herrschenden Impulsen jener späteren Jahre der Aufklärung
getragen; denn das Ziel dieser Herrscher war noch niemals so
sehr oder gar etwa allein die Wohlfahrt ihrer Völker, wie
die Größe und Würde ihrer Herrschaft. Und darum waren
sie sozialen Ideen an sich, wenn diese sich nicht ihrer Macht⸗
ind Würdepolitik anschlossen, keineswegs leicht zugänglich.
Deutlich zeigt sich das namentlich in der Behandlung der
Gesellschaftsschichten des platten Landes. Hier war, soweit
die Bevölkerung als Ganzes in Betracht kam, das einzige Be⸗—
treben der Herrscher die Peuplierung aus militärischen und,
wenn auch im weitesten Sinne des Wortes, fiskalischen Rück—
sichten. Dieser diente auch die innere Kolonisation, die schon
unter dem Großen Kurfürsten nicht unbedeutend gewesen ist und
neben Schlesiern, Lausitzern, Pommern und Rheinländern
namentlich, unter dem Schutze der Oranierin Louise Henriette,
auch Holländer ins Land führte: nach ihnen ist damals der Ort
Bötzow in Oranienburg umgetauft worden. Noch bedeutender
wurde dann die innere Kolonisation unter Friedrich Wilhelm J.;
vor allem die Aufnahme der Salzburger kommt hier in Be⸗