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Kr.eg gewesen wäre, die Stadt, nahmen die Flotte weg und schleppten
an Bauholz und anderen Materialien weg, was sie erlangen konnten. Die
Neigung der Menschen, im Kriege Gegenstände dem Feinde wegzunehmen,
ist Uralt. Der Philosoph Aristoteles vertritt auf einer hohen Kulturstufe die An
schauung, daß die Kriegskunst eine Form der Erwerbskunst sei, die mit der
Jagd und der Landwirtschaft zu den natürlichen Erwerbskünsten gehöre. Zu
den unnatürlichen rechnete er, was heute vielen sonderbar erscheinen dürfte,
das Geldgeschäft und den Handel.
Heute beginnt man in der Theorie den Krieg wieder mehr als früher als
Erwerbszweig anzusehen. Man darf in dem kriegerischen Ver
halten der Menschen nicht zu rasch an einen ununterbro
chenen Fortschritt glauben. Wie oft glaubte man nicht schon, daß
die völkerrechtlichen Bindungen allgemeine Anerkennung gefunden hätten. Nach
dem Dreißigjährigen Kriege begann eine Milderung der Kriegssitten und der
politischen Feindschaften. In den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts konnte
noch Iselin schreiben, daß nun das Kriegführen weit milder geworden, daß über
haupt, wer die andern in Ruhe lasse, auch selbst in Ruhe gelassen werde.
„Ludwig XIV. hatte von seinen Nachbarn alle die Übel zu befürchten, welche
er ihnen zugefügt hat. Er hat sie auch nachher zum Teile von ihnen erlitteni
Es war also natürlich, daß in solchen Zeiten, wo ein offenbarer oder verdeckter
Haß alle Völker beseelte, jedes trachten mußte, sich zu verstärken und and ene
zu schwächen. Zu Ende des 18. Jahrhunderts verhalten sich die Sachen ganz
anders. Keine Macht, die ruhig sein will, hat von der andern das geringste
mehr zu befürchten. Es kann also keine mehr mit Gerechtigkeit erobern.“ Wie
anders verhält sich das Napolepnische Zeitalter. „Während der Kriege von
1792 bis 1815 war das Völkerrecht auf das geringste zusammengeschwunden.“
Ich habe bisher die Wegnahme beweglicher Güter ins Auge gefaßt. Aber
der Sieger kann auch zur Expropriation von Grundeigentum schreiten. Der
Balkankrieg gibt gleich ein gutes Beispiel. Die Serben haben in Alt-Serbien
Land parzelliert und verteilen 12 Joch pro Familie an Leute aus Altserbien,
aus dem ehemaligen Reichsserbien und an Südslaven aus Österreich-Ungarn.
Der Zehent, der früher den türkischen Vakufs zugeflossen ist, wurde abgeschafft;
den Serben wurde ein Vorkaufsrecht eingeräumt, wenn türkische Vakufsgüter
veräußert werden sollten. Kurzum, wir haben einen Fall von Bevorzugung der
eigenen Bürger vor uns, der sich im unmittelbaren Erwerb von Grundstücken
äußert. Wir sehen so Methoden auftauchen, welche im alten Rom gang und
gäbe wären. Diese Verteilung von Grundbesitz schwebte vielen Serben bereits
vor, als der Balkankrieg begann.
Wie ich schon erwähnt habe, ist dies Vorgehen aber nicht etwas Isoliertes.
Wir sahen, daß in Preußen polnische Güter zu Gunsten der Deutschen ex
propriiert wurden. Was heute die Deutschen den Polen tun, können morgen
die siegreichen Russen den Deutschen tun. Die Russen suchen bei den
Ruthenen Ostgaliziens den Glauben wachzuhalten, daß im Falle einer russi
schen Invasion eine Expropriation der Polen und Juden zugunsten der Ruthenen
erfolgen werde. Aber die Parzellierung liegt heute überhaupt
in der Luft, sie ist für viele ein soziales Postulat und nicht
nur für eine kleine radikale Gruppe. Es gibt heute sehr konser
vativ gesinnte Leute, welche der Ansicht sind, den hungernden Massen Ga
liziens könne nur durch eine teilweise Parzellierung des Großgrundbesitzes
geholfen werden, nur so könne man diese Menschen an das Vaterland fesseln.
Es gibt bereits Großgrundbesitzer, welche es für eine patriotische Pflicht der
Großgrundbesitzer ansehen, daß ein Teil der Bodenfläche an die bodenlose
Agrarbevölkerung abgegeben werde. Wir sehen denn auch in Rumänien die
Bodenreform auf dem Marsche, ebenso in England, wo bekanntlich Lloyd George
für sie eintritt. Wenn solche Ideen in Friedenszeiten einen großen Einfluß
ausüben, um wie viel mehr in Kriegszeiten, wenn der eine kriegführende Teil
durch Versprechungen hinsichtlich zukünftiger Parzellierungen einen Teil der
gegnerischen Bevölkerung auf seine Seite zu bringen vermag, so wie man die
eigenen Leute durch Versprechungen anzuspornen vermag. Es wurde in der
letzten Zeit immer schwerer, Kriegsbegeisterung zu erregen, weil der Kriegs-