Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

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Einkommen allgemein wesentlich günstiger gestaltet. Auch wissenschaft- 
liche Vorkämpfer der Sozialdemokratie (Bernstein, Schönlank) 
erkennen an, daß die Lage der unteren Klassen sich im Laufe des 
letzten Jahrhunderts gewaltig gebessert hat. Aber ebenso unverkennbar 
ist es, daß sich ein wachsender Mittelstand entwickelt hat, der ein 
behäbiges Dasein zu führen vermag und über einen entsprechenden 
Rückhalt an Besitz verfügt. Man braucht nur an das Aufblühen unseres 
Bauernstandes zu denken, für den ein weit kleinerer Besitz an Grund 
und Boden gegenüber früheren Zeiten genügt, um ihn als zur Mittelklasse 
gehörig erscheinen zu lassen. Ebenso läßt die Beobachtung der Bauten 
in den Städten, die erst neuerdings Bedeutung erlangt haben, die wach- 
sende Zahl derer erkennen, die auf bessere Wohnungen Anspruch machen 
und in der Lage sind, sie zu bezahlen. Es ergiebt sich daraus, daß 
durch das allgemeine Wachsen des Wohlstandes eine größere Zahl tüch- 
tiger Leute aus dem Handwerkerstande, wie auch aus der Fabrikarbeiter- 
schaft Stellungen zu gewinnen vermögen, durch welche sie sich dem 
Mittelstande einreihen, wobei die absoluten Zahlen in einem höheren 
Maße ins Gewicht fallen als die Verhältniszahlen, d. h. auch da, wo 
bei starker Zunahme der Bevölkerung die untere Schicht einen etwas 
wachsenden Prozentsatz ausmacht, kann dieses reichlich ausgeglichen 
werden durch die Erhöhung des Einkommens aller Schichten und 
eine bedeutende Zunahme der absoluten Zahl der in behäbiger Lage 
befindlichen Personen. Schon durch das Sinken des Preisniveaus der 
Artikel des gewöhnlichen Bedarfes ist auch bei gleichem Einkommen 
unter bescheidenen Verhältnissen die Kaufkraft gestiegen und hat sich 
die Lebenshaltung verbessert. ; 
Ganz besondere Bedeutung ist aber hierbei auf die Vergleichung 
der verschiedenen Länder zu legen. Wo ist der Mittelstand am größten, 
in den unkultivierten oder in den kultivierten Ländern? Die Antwort 
kann nicht zweifelhaft sein. Nirgends steht sich unvermittelter Arm und 
Reich gegenüber als in Rußland. Am meisten schreitet dort in neuerer 
Zeit Polen vor, wo sich erst jetzt allmählich, hauptsächlich in den 
Städten, ein Mittelstand entwickelt. Weit größer ist derselbe augen- 
fällig in Deutschland und weit mehr im Westen als im Osten. Wie 
jeder Reisende schon bei oberflächlicher Betrachtung zu konstatieren 
vermag, nimmt der Mittelstand wiederum in Frankreich einen größeren 
Spielraum ein als in Deutschland, in England mehr als hier, und ent- 
schieden am meisten in den Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika. Die große Masse der amerikanischen Farmer gehört dem 
Mittelstande an und steht nur einer sehr geringen Zahl von Arbeitern 
und einer verschwindenden Zahl von Großgrundbesitzern gegenüber. Es 
ist. ein Irrtum zu meinen, daß es dort in den Städten nicht selbständige 
Handwerker, kleine Kaufleute etc. gäbe, die vielmehr, namentlich ın 
den mittleren und kleineren Städten, eine große Rolle spielen und ver- 
möge ihres hohen Verdienstes der Mittelklasse zuzuteilen sind. Zu ihr 
gehört auch außerdem ein bedeutender Teil der Arbeiter in den 
Fabriken infolge ihres bedeutenden Lohnes und der Ersparnisse, die 
sie zu machen vermögen, da der gewöhnliche Lebensunterhalt weit 
billiger ist als in Europa. 
Die Vorstellung, daß in England, wie in Amerika der Gegensatz 
zwischen wenigen immens reichen Leuten und der großen Masse der 
Besitzlosen weiter und unvermittelter sei, als auf dem europäischen 
Kontinente. stammt aus dem Beginne des Jahrhunderts, wo er zutreffend 
Vergleichung 
verschiede- 
ner Länder
	        
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