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Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und
zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Ad. Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands. Leipzig 1880.
Zwischen England und dem europäischen Kontinent ist in der in
Betracht zu ziehenden Zeit ein gewaltiger Unterschied zu machen. In
dem ersteren Lande hat der Grundherr niemals die unbeschränkte
Macht über den Bauern gehabt, wie in Frankreich und Deutschland.
Der König hat dort stets unmittelbar seine schützende Hand über dem
Bauern gehalten und damit die Bedrückung verhindert, wie sie auf den
Kontinent stattfand. Ebenso haben die Städte und Zünfte in England
niemals die Unabhängigkeit gehabt, wie bei uns, sondern die letzteren
sind stets der Krone konzessionspflichtig gewesen und haben auch des-
halb niemals zu dem Zunftzwange ausarten können, wie das hier der
Fall gewesen ist. Während des 18. Jahrhunderts verloren all-
mählich die zünftlerischen Schranken auch für das Handwerk ihre
Bedeutung, während neben dem. Handwerk in der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts Hausindustrie und Fabrikbetrieb eine überwiegende
Stellung erlangten. Die Ausführungen Adam Smiths selbst, z. B.
über die Arbeitsteilung in der Nadelfabrikation, zeigen, daß der
maschinelle Betrieb schon erheblichen Umfang gewonnen hatte, und
dieser war frei von allen Schranken. Aus Parlamentsberichten geht
hervor, daß schon 1738 in der Leinwandindustrie sehr ausgedehnt
Kinder und Weiber beschäftigt wurden. Ebenso 1768 in der Seiden-
industrie, wo die Arbeiter in Coventrie, die Meister in London lebten,
and schon Anfang des Jahrhunderts wurde die Seidenindustrie in ge-
schlossenen Fabriken betrieben. In der Mitte des 18, Jahrhunderts lag
der Schwerpunkt in der Hausindustrie, während der Handwerkshetrieb
ganz zurückgedrängt war. .
Seit Cromwells Navigationsakte hatte sich der internationale
Handel außerordentlich gehoben, aber der Binnenverkehr war noch
wesentlich erschwert. Im Beginne des 18, Jahrhunderts wurden die
Warenversendungen zu Lande noch allgemein durch Packpferde bewirkt.
Noch in der Mitte des Jahrhunderts brachte man auf diese Weise die
Waren aus Sheffield. nach London; erst dann kamen die Wagentransporte
auf; aber .im Winter waren in einiger Entfernung von London die
Straßen meist unfahrbar. 1765 begann dann durch J. Metcalf der
künstliche Wegebau, und zur selben Zeit wurden überall Kanäle durch-
zeführt, während die Schiffbarmachung der Flüsse schon seit 1699
größeren Umfang angenommen hatte. Das waren die Grundlagen, durch
welche England in der Lage war, die Erfindungen der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts sofort in größerer Ausdehnung zu verwerten. In den
sechziger Jahren begannen dann die großen Erfindungen. 1765 erfand
der Spulmacher Highs die erste Jenny, welche 6 Spindeln zugleich
in Thätigkeit setzte, bald darauf 25. 1767 verbesserte Hargraves
die Jenny erheblich, während derselbe Highs die „Waterframe“ erfand,
eine stärkere Maschine, die durch Wasser oder Dampf betrieben wurde
und haltbares Kettengarn aus Baumwolle lieferte, während bisher nur
Leinengarn als Ketten gebraucht wurde. Zugleich war damit die Pro-
duktion im Großen in Fabriketablissements mittelst Motorkraft ange-
nahnt, und der Barbier Arkwright war es, der sich der Erfindungen
ANonrad. Grundrifs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. »
England.
Die Erfin-
dungen.