Full text : Nationalökonomie (Teil 1)

= 326 —

Kritik.

scheinen; denn sobald die Verhältnisse irgend dazu angethan, nimmt
die Menschenzahl von selbst rapide zu. Ist die Bevölkerung sich selbst
überlassen, so ist im Gegenteil stets zu befürchten, daß gerade durch
schnelle Steigerung ihrer Zahl die untere Bevölkerung durch unzureichenden
 Verdienst und Mangel an Nahrungsmitteln in Not gerät,
weil es der großen Masse der Bevölkerung an der nötigen Vorsicht
und Enthaltsamkeit fehlt. Thatsächlich thue aber die Staatsgewalt
durch die öffentliche Armenunterstützung alles, die notwendige Vorsicht
 zu untergraben, das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit abzustumpfen
 und eine unheilvolle Volkszunahme zu fördern. So greift er
lie Armengesetzgebung energisch an, welche die Kirchspiele verpflichtet,
 einem Jeden, der arbeitsfähig ist, Beschäftigung und überhaupt
 jedem Angehörigen angemessenen Unterhalt zu schaffen, und
die Armenvorsteher verpflichtet, die nötigen Mittel hierfür durch Gemeindesteuern
 zu beschaffen, Durch einige schroffe Aeußerungen,
uamentlich in den ersten Auflagen seines Werkes, hat er sich besonders
 viele Gegner groß gezogen, wie: „Es habe niemand ein
Recht auf Existenz, für den kein Platz an der Tafel gedeckt sei“ und:
Es sei ein Verbrechen, Kinder zu zeugen, die man nicht auch ernähren
könne. Der richtige Kern des Grundgedankens aber hat bis zur Gegenwart
 hin günstig gewirkt und die Warnung vor einer laxen und über-;rieben
 humanen Armenunterstützung war von höchster Bedeutung.
Er gab aber einer zu pessimistischen Auffassung Nahrung, indem
ar eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse und eine Milderung
des Elends für ausgeschlossen hielt, solange die große Masse der Be-7ölkerung
 sich in dem Zustande der bisherigen Unreife befände und
auf eine baldige Hebung der Kultur nicht zu rechnen sei. Deshalb
versprach er sich von einer Hebung der Löhne keinen nachhaltigen
Erfolg, weil sie nur die Volkszunahme zu beschleunigen angethan sei,
Für den englischen Staat sah er eine große Gefahr in dem Ueberhandnehmen
 der Industrie über die Landwirtschaft, wodurch der Eraährung
 der Bevölkerung immer größere Schwierigkeiten erwachsen
nüßten, wobei er natürlich betonte, daß das meerumspülte britische
Reich sich noch in einer günstigeren Lage befände, wie andere Länder,
Er tritt deshalb für Gatreidezölle ein, um die Landwirtschaft zu bezünstigen,
 und trägt kein Bedenken, der Industrie dadurch einen
Hemmschuh anzulegen und der Arbeiterklasse damit eine Last aufzuyürden.
 Er hält es für nötig, Maßregeln dagegen zu ergreifen, daß
lie Industrie nicht die Landwirtschaft überwuchert.
UVeberall tritt der Fehler bei Malthus zu Tage, daß er zu ausschließlich
 die gewöhnlichen Nahrungsmittel als die maßgebende
Grundlage der Volkswirtschaft annimmt, die im Lande selbst erzeugt
werden muß, wenn das Land bestehen soll. Er konnte nicht ermessen,
wie dieser Teil des Volksbedarfs im Laufe der Entwickelung der
Kultur an Bedeutung einbüßen und die Besserung der Kommunikationsmittel
 den internationalen Austausch erleichtern würde, Er
anterschätzte die Möglichkeit der Produktionssteigerung, die auch einer
rapide wachsenden Bevölkerung Beschäftigung und sogar reichlichen
Unterhalt gewähren kann. Die Grundlagen seiner Lehre sind aber als
unbedingt wahr anzuerkennen, sie sind eine dauernde Errungenschaft
ler Wissenschaft und auch von nachhaltiger praktischer Wirkung.
Das Problem und die Malthus’sche Lehre selbst hat uns im 2. Teil
ıoch besonders zu beschäftigen.
            
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