Full text : Nationalökonomie (Teil 1)

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8 97.
b) David Ricardo,

Der scharfsinnigste Schüler des Adam Smith, der auf seinem
Boden stand, seine Lehre nach vielen Richtungen hin weiter ausgebaut
and damit den größten und nachhaltigsten Einfluß gehabt hat, ist
David Ricardo (1772—1823). Mit geringer Vorbildung wurde er
Kaufmann; erst privater Makler an der Londoner Börse, dann Bankier
and wußte mit außerordentlich praktischem Scharfsinn Spekulationen
so günstig durchzuführen, daß er mit nichts beginnend schon als junger
Mann von 25 Jahren ein großes Vermögen erworben hatte. Erst
dann suchte er seine mangelhafte Bildung zu vervollständigen und
wurde durch das Adam Smithsche Werk zu nationalökonomischen
Studien getrieben. Seine schriftstellerische Thätigkeit knüpfte an
Tagesfragen an. Auch sein größtes Werk ist nicht, wie es der Titel
voraussetzen läßt, ein abgerundetes Lehrbuch, sondern eine Sammlung
zelbständiger Untersuchungen über verschiedene wirtschaftliche Probleme.
Durch die außerordentliche Klarheit der Darstellung, die an die
nathematische Methode erinnerte, gewann er ein außerordentliches
Ansehen in wirtschaftspolitischen Fragen, so daß ihm bald ein Platz
im Parlament eingeräumt wurde. Obgleich aus der Praxis hervorgegangen
 und ausgerüstet mit ausgedehnter Erfahrung im wirtschaftlichen
 Leben, liebte er es, von abstrakten Voraussetzungen auszugehen
and in scharfer logischer Folgerung die Konsequenzen seiner Vorauszetzungen
 zu ziehen. - In viel höherem Maße als Adam Smith
und Malthus hat er die deduktive Methode in unserer Wissenschaft
zur Anwendung gebracht, was allerdings in einer Zeit besonders angebracht
 sein mußte, wo es an statistischem und wirtschaftshistorischem
Material fehlte. Bekundet Adam Smith trotz des von ihm aufgestellten
 sog. Industriesystems stets eine besondere Vorliebe und Bevorzugung
 der Landwirtschaft und tritt diese auch entschieden bei
Malthus hervor, so steht Ricardo durchaus auf dem Standpunkt des
Kapitalisten und Unternehmers, sieht diese als die eigentlichen Stützen
des Volkswohlstandes an und vertritt nachdrücklichst ihre Interessen,
vielfach mit größter Rücksichtslosigkeit. Nicht mit Unrecht ist ihm
Ungenauigkeit im Ausdruck vorgeworfen, wodurch er zu manchem
Mißvrerständnis Anlaß gegeben hat. Im Ganzen aber hat man es
mit einem bedeutenden Denker zu thun, dem die Wissenschaft einen
entschiedenen Fortschritt verdankt, wenn auch viele seiner Lehren
erheblicher Modifikationen bedurften.
Drei Schriften sind es insbesondere, die eine nachhaltige Bedeutung
 gewonnen haben. 1. High price of bullion, a proof of the
depreciation of banknotes, London 1810. 2. An essay on the influence
of a low price of corn on the profits of stock, showing the
inconveniency of restrictions on importation, with remarks on Mr.
Malthus’ two last publications. 1815. 3. On the principles of political
economy and taxation, London 1817, deutsch 1837 von Baumstark.
Die erste Schrift war eine Untersuchung, wie die entwerteten
Banknoten auf die normale Höhe gehoben werden könnten, und seine
Ausführungen sind wesentlich bestimmend für die spätere Aufnahme
der Barzahlung der Bank gewesen. In der zweiten Schrift macht
er energische Öpposition gegen die Bestrebungen, durch hohe Getreidezölle
 die Erträge des Grund und Bodens hoch zu halten, indem er

Leben und
Schriften.
            
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