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Auffassung
der wirt-
schaftlichen
Natur-
yesetze,
auf, wobei ihnen die nötige Uebersicht fehlte und sie zu unhaltbaren
Ergebnissen kamen. Es ergab sich daraus die Notwendigkeit, größere
Sorgfalt auf das historische Studium zu verwenden. Es hatte daher
diese historische Richtung ihre unbedingte Berechtigung. Dasselbe
ergab sich aus der Kritik des Sozialismus. Unzweifelhaft hat die
sozialistische Schule ihre außerordentlichen Verdienste, wie schon
früher hervorgehoben, sowohl für die praktische Sozialpolitik, wie für
die Wissenschaft. Schärfer als von irgend einer anderen Seite ist von
den sozialistischen Schriftstellern die Einseitigkeit des Smithianismus
nachgewiesen, und sind die Bedenken des Prinzips „Laissez faire, laissez
passer“ hervorgehoben. Aber ihre ganze Bedeutung lag eben in der
Kritik. Die Smith’sche Schule setzte sich völlig über den historischen
Entwickelungsgang hinfort und wollte das ganze Wirtschafts- und Staats-
Jeben auf eine völlig neue Basis stellen, ohne an die bisherigen Zu-
stände anzuknüpfen, Sie zeigte sich daher noch mehr unhistorisch als
die Smithsche Schule, Auch dem gegenüber war es nötig, auf die
Geschichte hinzuweisen, die allein zunächst eine Gesundung in den
Anschauungen herbeiführen konnte.
Die alte Schule glaubte allgemein gültige wirtschaftliche Natur-
zesetze gefunden zu haben. Die Beobachtung ergab, daß jene soge-
jannten Gesetze nur Regeln waren mit Geltung für eine bestimmte
Zeit und einen bestimmten Boden. Der ältere Sozialismus trug wesentlich
Jazu bei, diese Auffassung zu erschüttern, und setzte klar auseinander,
daß viele der als gesetzlich angenommenen Vorgänge nur einer be-
stimmten Klassenherrschaft entsprängen und daher wohl beseitigt
werden könnten. Er ging darin aber wiederum zu weit, als willkür-
lich anzusehen und die Beseitigung zu verlangen, wo es sich um In-
stitutionen handelte, die einmal der menschlichen Natur analog sind
und dann, wie sich aus der Geschichte erweisen läßt, als Grundlage
unserer gesamten Kultur acceptiert werden müssen, wie das Privat-
eigentum und die individuelle Freiheit. Infolgedessen erwies es sich
als notwendig, die Natur des Menschen selbst näher zu studieren, die
psychologischen Momente genauer zu berücksichtigen. Das ist nun in
der neueren Zeit sowohl von der Wiener wie von der Berliner Schule
anerkannt, und die Arbeiten speziell von Schmoller zeigen, welch
gründliches Studium er gerade der Philosophie zugewendet hat. Sein
neuestes Werk behandelt in dem bis jetzt nur vorliegenden ersten Teil
die Grundlagen der Volkswirtschaft, gleichwohl wird es durch die Ver-
tiefung der Untersuchung und gerade die philosophisch - historische
Durchführung, sowie die besonders von Bücher erfolgreich begonnene
Heranziehung ethnologischer und anthropologischer Forschungen, als
ein bedeutsamer Fortschritt unserer Wissenschaft zu bezeichnen sein,
Ein abschließendes Urteil, ob es ihm gelingt, ein neues Gebäude auf-
zurichten, muß nach Vollendung des Werkes vorbehalten bleiben. Er
tritt hauptsächlich in die Fußstapfen von Knies, geht aber weit über
ihn hinaus,
Durch die neuere vermittelnde Richtung ist zu allgemeiner Aner-
kennung gebracht, daß es die Aufgabe unserer Wissenschaft nicht ist,
allgemeine Naturgesetze in dem Wirtschaftsleben zu ermitteln. Denn
dasselbe ist viel zu kompliziert, überall wirken eine so große Zahl von
Faktoren zusammen, daß die Isolierung nur ganz vereinzelt möglich
ist. Auf der anderen Seite ist die Grundlage desselben, der Mensch
mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, fortdauernd solchen Ver-