Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Vertreter der alten Zünfte. Man braucht nur an die Uhrmacher zu 
denken, von denen keiner, von ganz geringen Ausnahmen abgesehen, 
alle Teile der Uhr selbst anfertigt und die Uhr als eigenes Fabrikat 
verkauft, sondern die Uhren werden aus grossen Fabriken fertig bezogen. 
Die Reparaturen beanspruchen aber hier eine sehr bedeutende Thätigkeit, 
und es ist für den Konsumenten von Wichtigkeit, beim Kauf einen sach- 
verständigen Vermittler zu haben, der für die Brauchbarkeit der Ware 
die Bürgschaft übernimmt. Deshalb muss der Uhrmacher das Hand- 
werk gründlich erlernt haben, der Kleinbetrieb hat noch jetzt seine 
volle Bedeutung, er ist allgemein verbreitet und nährt seinen Mann. 
Der Klempner verkauft Lampen, Wannen, Kochgeschirr, Spielzeug, die 
in Fabriken hergestellt werden, ausserdem noch Dochte, Petroleum etc., 
aber er übernimmt zugleich Bauarbeiten im Hause, Anbringung von 
Röhren etc. und fertigt Geräte, Kannen, Wannen etc. an, wie sie der 
Einzelne für seinen Spezialgebrauch verlangt. Ganz dasselbe ist bei 
dem Schlosser zu beobachten, der im allgemeinen Schlösser, Beschläge, 
Haken fertig bezieht und sie nur im Hause anschlägt, aber mitunter 
doch besondere Anfertigung derselben übernimmt, wenn die gewöhn- 
liche Schablone nicht ausreicht. 
Neben den grossen Kleider-Magazinen und Niederlagen von 
Schuhwerk, wo das Publikum die fertigen Sachen auswählt, bestehen 
überall Schneider und Schuhmacher, die nach Bestellung arbeiten; und 
ein ausgedehntes, meist besonders zahlungsfähiges Publikum legt Wert 
darauf, nach Mass gearbeitete Sachen zu tragen, oder nicht ganz 
normal gewachsene Menschen können von der fabrikmässigen Schab- 
lonenarbeit nicht Gebrauch machen und müssen individualisierte Arbeit 
haben. Daher finden wir auch in England, Amerika, Frankreich, Hol- 
land neben grossen Kleider- und Schuhfabriken Handwerker im alten 
Sinne; allerdings weit seltener als hier, aber dafür in guter Lage, weil 
ihre Arbeit sehr hoch bezahlt wird. Die Gewohnheiten der Bevölke- 
rung sind hierauf natürlich von grossem KEinfluss. Wir wählen als 
Beispiel das Buchbindergewerbe. In den erstgenannten Ländern wer- 
den die Bücher sofort in gebundenem Zustande in den Handel ge- 
bracht, also grössere Auflagen von tausenden von Exemplaren auf ein- 
mal in derselben Weise gebunden. Das kann nur von einem Fabrik- 
betrieb in kürzerer Zeit bewältigt werden. Daneben bestehen noch 
einzelne Handwerker, welche in besondern Fällen beschädigte Bücher 
von Neuem binden, dann für reiche Leute dem individuellen Ge- 
schmack entsprechende Einbände für die Bibliothek, oder besondere 
Prachtbände mit künstlerischer Ausstattung liefern, die dann natürlich 
sehr hoch bezahlt werden. In Deutschland dagegen beansprucht der 
Sortimentsbuchhandel, der die Bücher zur Ansicht liefert, in der Regel 
ungebundene Bücher, Der Käufer lässt sie dann einzeln nach Bedarf 
und Angabe binden, was wiederum die Fabrik nicht übernehmen 
kann, sondern nur der Handwerker. Daher sind bei uns die kleinen 
Buchbinder noch ausserordentlich verbreitet, wenn auch daneben 
eine Anzahl grosser Fabriken bestehen, die mit Maschinen aus- 
gerüstet in der Lage sind, 100 000 Exemplare in zwei Wochen gebunden 
abzuliefern. Beide Arten haben mithin ihre besondern Aufgaben und 
sind für bestimmte Verhältnisse erforderlich. Sie sind nicht will- 
kürlich zu verdrängen oder zu erweitern. Eine Aenderung der Sitte 
(ndividuali- 
sierende 
Chätigkeit,
	        
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