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Vertreter der alten Zünfte. Man braucht nur an die Uhrmacher zu
denken, von denen keiner, von ganz geringen Ausnahmen abgesehen,
alle Teile der Uhr selbst anfertigt und die Uhr als eigenes Fabrikat
verkauft, sondern die Uhren werden aus grossen Fabriken fertig bezogen.
Die Reparaturen beanspruchen aber hier eine sehr bedeutende Thätigkeit,
und es ist für den Konsumenten von Wichtigkeit, beim Kauf einen sach-
verständigen Vermittler zu haben, der für die Brauchbarkeit der Ware
die Bürgschaft übernimmt. Deshalb muss der Uhrmacher das Hand-
werk gründlich erlernt haben, der Kleinbetrieb hat noch jetzt seine
volle Bedeutung, er ist allgemein verbreitet und nährt seinen Mann.
Der Klempner verkauft Lampen, Wannen, Kochgeschirr, Spielzeug, die
in Fabriken hergestellt werden, ausserdem noch Dochte, Petroleum etc.,
aber er übernimmt zugleich Bauarbeiten im Hause, Anbringung von
Röhren etc. und fertigt Geräte, Kannen, Wannen etc. an, wie sie der
Einzelne für seinen Spezialgebrauch verlangt. Ganz dasselbe ist bei
dem Schlosser zu beobachten, der im allgemeinen Schlösser, Beschläge,
Haken fertig bezieht und sie nur im Hause anschlägt, aber mitunter
doch besondere Anfertigung derselben übernimmt, wenn die gewöhn-
liche Schablone nicht ausreicht.
Neben den grossen Kleider-Magazinen und Niederlagen von
Schuhwerk, wo das Publikum die fertigen Sachen auswählt, bestehen
überall Schneider und Schuhmacher, die nach Bestellung arbeiten; und
ein ausgedehntes, meist besonders zahlungsfähiges Publikum legt Wert
darauf, nach Mass gearbeitete Sachen zu tragen, oder nicht ganz
normal gewachsene Menschen können von der fabrikmässigen Schab-
lonenarbeit nicht Gebrauch machen und müssen individualisierte Arbeit
haben. Daher finden wir auch in England, Amerika, Frankreich, Hol-
land neben grossen Kleider- und Schuhfabriken Handwerker im alten
Sinne; allerdings weit seltener als hier, aber dafür in guter Lage, weil
ihre Arbeit sehr hoch bezahlt wird. Die Gewohnheiten der Bevölke-
rung sind hierauf natürlich von grossem KEinfluss. Wir wählen als
Beispiel das Buchbindergewerbe. In den erstgenannten Ländern wer-
den die Bücher sofort in gebundenem Zustande in den Handel ge-
bracht, also grössere Auflagen von tausenden von Exemplaren auf ein-
mal in derselben Weise gebunden. Das kann nur von einem Fabrik-
betrieb in kürzerer Zeit bewältigt werden. Daneben bestehen noch
einzelne Handwerker, welche in besondern Fällen beschädigte Bücher
von Neuem binden, dann für reiche Leute dem individuellen Ge-
schmack entsprechende Einbände für die Bibliothek, oder besondere
Prachtbände mit künstlerischer Ausstattung liefern, die dann natürlich
sehr hoch bezahlt werden. In Deutschland dagegen beansprucht der
Sortimentsbuchhandel, der die Bücher zur Ansicht liefert, in der Regel
ungebundene Bücher, Der Käufer lässt sie dann einzeln nach Bedarf
und Angabe binden, was wiederum die Fabrik nicht übernehmen
kann, sondern nur der Handwerker. Daher sind bei uns die kleinen
Buchbinder noch ausserordentlich verbreitet, wenn auch daneben
eine Anzahl grosser Fabriken bestehen, die mit Maschinen aus-
gerüstet in der Lage sind, 100 000 Exemplare in zwei Wochen gebunden
abzuliefern. Beide Arten haben mithin ihre besondern Aufgaben und
sind für bestimmte Verhältnisse erforderlich. Sie sind nicht will-
kürlich zu verdrängen oder zu erweitern. Eine Aenderung der Sitte
(ndividuali-
sierende
Chätigkeit,