Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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In den Ver. Staaten von Nordamerika ist eine Erweite- 
rung und Vertiefung des Eriekanals für Schiffe von 1000 t Gehalt 
geplant und ausserdem eine Kanalverbindung zwischen New-York und 
Philadelphia, sowie ein direkter Wasserweg von den Seen nach New-York 
in ernste Erwägung gezogen. 
So sehen wir, dass in den hauptsächlichsten Kulturstaaten, mit Aus- 
nahme Englands, bedeutende Anstrengungen gemacht werden, um die Kanäle 
für den Binnenverkehr in höherem Masse als bisher zur Verwendung 
zu bringen, in der Meinung, dass sie die Konkurrenz mit den KEisen- 
bahnen auszuhalten vermögen und mit Vorteil eine Ergänzung zu ihnen 
bilden können. 
Untersuchen wir nun, worin die Binnenwasserstrassen besondere 
Vorzüge aufzuweisen haben, worin sie dagegen den Eisenbahnen nach- 
stehen. 
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Wasserstrassen liegt in 
der billigen Massenbeförderung, die auf ihnen zu bewerkstelligen ist. 
Dies kommt am besten zum Ausdruck in der Thatsache, dass ein Pferd 
mit derselben Leichtigkeit auf Schienen 200 Zentner, auf einem Kanal 
dagegen 1200 Zentner fortzubewegen vermag. KEin einziges Fracht- 
schiff auf dem Rhein befördert die Last eines ganzen Güterzuges, 
ein Schleppdampfer aber die von 13 Güterzügen, während er sehr 
viel weniger Kohlen und Menschen dabei in Anspruch nimmt, 
als die betreffenden Züge. Diese Massenbeförderung in langsamem 
Tempo ist natürlich nur bei gewissen Gegenständen anwendbar. Die 
Wasserstrassen werden deshalb in Anspruch genommen für den Trans- 
port von Kohlen, Getreide, Steinen und Erden aller Art, sonstigem 
Baumaterial, Holz etec., ferner Rüben, Obst, Zucker, Petroleum, Kolonial- 
waren. Ausserdem werden auch Möbel, Pianos etc. darauf verfrachtet. 
Dabei ist aber zu bemerken, dass die Wasserstrassen nirgends den 
Eisenbahnen die Massenartikel überwiegend abgenommen haben, die 
vielmehr erfahrungsgemäss mit Erfolg eintreten, um momentanen Be- 
darf in kürzester Frist damit zu decken, und solche Fälle kommen 
ausserordentlich häufig vor, so dass die erwähnten Massengüter all- 
gemein 60—80 %, des ganzen Kisenbahntransportes ausmachen. Berlin 
bezieht zu Wasser mehr Getreide und Mehl, als per Bahn, aber nur 
ein Viertel des Bedarfs an Kohlen; Köln sogar nur ein Fünfzehntel 
an Kohlen zu Wasser, dagegen das Doppelte an Getreide und zwei 
Drittel des Baumaterials. 
Dabei ist zu bemerken, dass die am stärksten benutzte Bahn, die 
westphälische Ruhrbahn nur 4 Mill t pro km im Jahre verfrachtet, der 
Rhein aber 12 Mill. t. 
Durch den Massentransport erhalten die Wasserstrassen nicht nur 
für die Produktion eine hohe Bedeutung, sondern auch für die Landes- 
vertheidigung, für die in den Zeiten, wo die Bahnen völlig durch den 
Personentransport in Anspruch genommen sind, zu Wasser Geschütz, 
Munition, besonders Fourage den Truppen nachbefördert werden kann, 
was im preussischen Landtage besonders hervorgehoben wurde. 
Für die erwähnten Massengüter ist es ein besonderer Vorteil, dass 
für den Wassertransport, namentlich auf Kanälen überall Haltestellen ohne 
Schwierigkeit und Kosten, weil ohne besondere Bauanlage, eingerichtet 
werden können, was für den Verkehr eine ausserordentliche Erleichterung 
Conrad, Grundriss A. polit. Oekonomie. 1. Teil. 8. Aufl. 8 
Volkswirt- 
ichaftliche 
Bedeutung.
	        
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