Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

A414 
Nachteile des 
Staatsbahn- 
systems. 
Die an und für sich so wünschenswerte Einheitlichkeit in der 
Leitung des Betriebes wird deshalb mit vollem Nutzen für die Ge- 
samtheit nur in der Hand des Staates zu erzielen sein. Die Erfah- 
rungen in England und den Vereinigten Staaten haben genugsam 
bewiesen, dass keine Gesetzgebung ausreicht, die Ausbeutung der Ge- 
samtheit durch die grossen Bahnen zu verhüten, und dass die Ministerien 
machtlos waren, Uebergriffen der Fisenbahnkönige entgegenzutreten und 
ihnen Schranken aufzuerlegen. Die volle Verwertung der Eisenbahnen 
m Interesse der ganzen Volkswirtschaft, dann in Kriegszeiten zur 
Landesverteidigung wird nur durch die Regierung selbst erzielt werden 
zönnen; ganz abgesehen von der wachsenden pekuniären Bedeutung, 
welche die Bahnen erfahrungsgemäss für die Staatsfinanzen zu gewinnen 
7ermögen, wofür Preussen das eclatanteste Beispiel geliefert hat. 
Gegen die Staatsbahnen wird :besonders angeführt, dass der 
Staat teurer baut und teurer wirtschaftet, als Privatunternehmungen. 
Dies wird nicht ganz zu bestreiten sein. Dafür aber ist z. B. in 
Deutschland konstatiert, dass die Staatsbahnen solider gebaut sind, und 
der ganze Betrieb in allen Teilen des Landes weit gleichmässiger und 
3xakter durchgeführt wird, als in den Ländern der Privatbahnen. In den 
Vereinigten Staaten sind die Einrichtungen in den grossen Zügen 
der Hauptbahnen wie deren Schnelligkeit berühmt und zeigen Vor- 
züge, wie sie die Staatsbahnen noch vermissen lassen. Dagegen ist der 
Betrieb auf den Nebenbahnen, die keiner Konkurrenz unterworfen 
sind, von einer Unvollkommenheit, namentlich einer Unpünktlichkeit 
und Willkür des Verkehrs, von denen man in Deutschland keine Ahnung 
nat und welche die allergrösste Entrüstung hervorrufen würden, ja die 
in Deutschland auf die Dauer ganz undenkbar sind, 
Bei dem Mangel an Konkurrenz liegt natürlich auch hier die 
Gefahr vor, dass eine gewisse Erschlaffung in dem Eisenbahnwesen 
eintritt, eine gewisse Selbstgenügsamkeit Platz greift, mit zeitgemässen 
Reformen gewartet wird und namentlich aus Furcht vor pekuniären 
Ausfällen energische Veränderungen unterlassen werden. Sache der 
Presse und der Volksvertretung ist es, hier die nötige Anregung zu 
schaffen, die noch durch die Einrichtung einer selbständigen Behörde 
zur Vertretung der Interessen des Publikums, wie durch unseren Eisen- 
9ahnrat, eine wesentliche Unterstützung erhalten können, Die Privat- 
ahnen pflegen lokalen und individuellen Bedürfnissen in höherem 
Masse Rechnung zu tragen, z. B. ein neu auftauchendes Unternehmen 
williger zu unterstützen; der ganze Betrieb wird mehr kaufmännisch 
behandelt, Die Staatsbahnen dagegen pflegen von grösseren allgemeinen 
Gesichtspunkten aus geleitet zu werden und daher die gesamte Volks- 
wirtschaft in höherem Masse zu fördern. Wie weit dieses zutrifft, 
hängt natürlich von den KEinrichtungen des ganzen Staates, besonders 
von der Intelligenz der ministeriellen Leiter ab. Bei der unge- 
heuren Macht, die in der Hand des KEisenbahnministers liegt, kann 
natürlich auch ebenso viel Unheil wie Segen von ihm gestiftet werden, 
doch bildet er nur einen Teil des Gesamtministeriums und steht 
unter der Kontrolle seiner Kollegen wie des Staatsoberhauptes und, ab- 
yesehen von absoluten Monarchien, der Volksvertretung. Nicht 
überall wird aber dadurch ein Gegengewicht gebildet. Wo eine Partei- 
cegierung herrscht, wie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
	        
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