VIII
Vorrede.
Einzelne derselben habe ich in ihrer ersten Fassung in meinem Jahrbuch veröffentlicht,
ebenso die umfassenderen Vorarbeiten über die ältere Geschichte der Unternehmungen.
Mein inneres Verhältnis zu der mir anfangs viel zu groß und zu schwierig, ja
unmöglich erscheinenden Arbeit wurde mehr und mehr doch das der höchsten Befriedi—
gung. Ich blieb mir zwar stets klar, daß eine vollendete solche Zusammenfassung die
denkbar schwierigste Aufgabe sei, daß mein Versuch nach den verschiedensten Seiten hinter
dem Ideal, das mir vorgeschwebt hatte, zuruͤckbleiben müsse, daß er in vielen seiner
Ergebnisse nie die Sicherheit empirischer Detailforschung erreichen, daß der einzelne nie
alle die Gebiete, über die er spreche, gleichmäßig beherrschen könne. Aber ich war 1887
doch schon an die paar übernommenen, principiell wichtigen Kapitel deshalb gern
gegangen, weil mich nach 17 Jahren, die ich überwiegend angestrengter archivalischer
Arbeit gewidmet hatte, eine gewisse Übermüdung in Bezug auf diese Thätigkeit und
ꝛine Sehnsucht nach der Beschäftigung mit den großen allgemeinen Fragen unserer
Wissenschaft überfallen hatte. Ich spuͤrte, daß ich mir Klarheit in diesen verschaffen
nußte, gerade auch um das Detail der archivalischen Forschung zum höchsten Ertrag
zu bringen.
Meine alte Liebe zu philosophischen und pfychologischen Studien war mit neuer
Kraft erwacht. Ich fühlte mehr und mehr, daß die Aufgabe nach Charakter, Studien—
gang und Neigungen doch eine mir angemessene sei, daß vor allem meine Vorlesungen
dadurch sehr gewönnen, daß die stärkste Anspannung der geistigen Kräfte doch bei der
Vorbereitung auf die Vorlesung stattfinde, daß meine besten allgemeinen Gedanken mir
dabei kämen, und daß deshalb auch der Versuch, das zu fixieren, was ich den
Studierenden sage, berechtigt und heilsam sei, obwohl er den Autor nötigt, die Bruch⸗
stücke seines Wissens unter dem Gesichtspunkte seiner geschlossenen Weltanschauung zu
einem Ganzen zu vereinigen. Man könnte sagen, gerade deswegen sei der Versuch be—
rechtigt, denn diese Art der Zusammenfassung müsse stets neben der empirischen Detail—
arbeit ihr Recht behaupten.
Die Gesichtspunkte, welche mich bei meinen Vorlesungen beseelen, sind immer die
gewesen: 1. so anschaulich zu sein, daß der, welcher die Dinge noch nicht kennt, sie
einigermaßen sehen und erfassen kann. Die sogenannte Langeweile der juristischen und
staatswissenschaftlichen Vorlesungen beruht meist darauf, daß eine Unsumme von Scharf—
sinn, Definitionen, Detailwissen auf den Zuhörer eindringt, ohne daß er eine anschau—
liche Vorstellung von dem hat, wovon geredet wird. 2.“ Den Studierenden neben den
allgemeinen gesicherten Wahrheiten den Gang beizubringen, auf dem sie gefunden sind,
die Zweifel darzulegen, welche sie eingeben, die empirischen Grundlagen so im Detail
darzulegen, daß er sie sich seibst ableiten kaun. Ich weiß wohl, daß es auch eine andere
Methode giebt, daß sie teilweise für den Anfänger vorzuziehen ist. Auch in der National—
zkonomie, und gerade auch in der historischen, wird ein⸗ konstruierende Methode von
mehreren meiner geschätztesten Kollegen mit Virtuosität gehandhabt: man geht von wenigen
klaren Sätzen und Formeln, von präcisen Defintionen aus nd bringt damit Einfach—
heit und Klarheit in alles, ich möchte sagen, zu viel Einfachheit und oft nur eine schein—
bare Klarheit. Ich fand im Leben immer, daß der Hauptfehler in der praktischen An—
wendung staatswissenschaftlichen Wissens der sei, daß die der Universität Entwachsenen
die gesellschaftlichen Erscheinungen für viel zu einfach halten; sie glauben, dieselben mit
wenigen Definitionen und Formeln bemeistern zu können. Meiner Auffassung und An—
lage entspricht es, den Anfänger stets auf die Kompliziertheit und Schwierigkeit der
Erscheinungen und Probleme aufmerksam zu machen, ihm die verschiedenen Seiten des
Gegenstandes zu zeigen. In den Vorlesungen hat diese Eigentümlichkeit mir den Er—
folg nicht geraubt.“ Ich lafse die folgenden Blätter in die Welt mit der Hoffnung
zehen, daß sie auch den Leser nicht zu sehr abschrecken möge.
Uber die äußere Anordnung und den Umfang füge ich nur die Bemerkung bei:
Das ganze Buch sollte möglichst 40 Bogen nicht übersteigen; es sollte ein lesbarer, nicht
allzu teurer Grundriß bleiben. Dadurch waren Citate ausgeschlossen. Und ebenso konnte
von der Litteratur nur das Wichtigste vor jedes Kapitel gesetzt werden, das, was in