Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die individualistischen Tendenzen; die Physiokraten. 89 
liche Preisbestimmungen, gegen staatliche Zinsfußbeschränkungen; er sieht ein, daß der 
Zinsfuß von der Geld- beziehungsweise Kapitalmenge abhänge, er sucht in der Arbeit 
die Ursache des Wertes und wird durch sein individuaglistisches Naturrecht, durch seine 
ausschließliche Betonung von Freiheit und Eigentum, der Vater des modernen Liberalismus“. 
Die Sorge für Ausbildung größerer Staaten und guter wirtschaftlicher Polizei 
lag nunmehr hinter der Generation, welche von 1750 an die Bühne betrat. Sie 
hetrachtete das Exreichte als selbstverständlich, fühlte sich gedrückt durch den träge 
werdenden Polizeistaat und die von ihm noch nicht beseitigten feudalen Gesellschafts— 
zinrichtungen. Nach freier Bewegung des Individuums lechzend, konnte auf diesem 
Boden nun die Naturlehre der individualistischen Volkswirtschaft entstehen. Die Physio⸗ 
raten in Frankreich Hume und Adam Smith in England sind die Begründer derselben. 
Es waren die ersten rein theoretischen und äußerlich vom Naturrecht, von den übrigen 
Staatswissenschaften losgelösten volkswirtschaftlichen Systeme. Innerlich sind sie freilich 
ganz abhängig von der damals vorherrschenden Anschauung eines Naturzustandes, aus 
dem durch Staatsvertrag die bürgerliche Gefellschaft entstanden sei; die Verfasser 
glauben gls Theisten an eine harmonische Einrichtung der Welt und der Gesellschaft, 
an das UÜberwiegen guter, geselliger Triebe, die, sich selbst überlassen, das Richtige 
finden; die natürliche und die fittliche Ordnung der Dinge fällt für sie zusammen; 
Rückkehr zur Natur, Waltenlassen der Natur ist ihnen das höchste Ideal; die meisten 
besteheuden volkswirtschaftlichen Einrichtungen erscheinen ihnen als künstliche und ver— 
kehrte Abweichungen von der Naturordnung, die sie wieder herstellen wollen. Dabei 
unterscheidet sich freilich die etwas ältere franzbsische Schule doch noch wesentlich von 
der englischen. 
Frauçois Quesnay (1694 -1774, Haupischriften 1766 -68; Guvres ed. A. Oncken, 
1888) war Arzt und Naturforscher, Autodidakt und Ideologe, schwärmte für Naturleben 
und Landwirtschaft, glaubte die Ouadratur des Zirkels gefunden zu haben; er war wie 
jeine Schüler ein treuer Anhänger des absoluten Königtums, dem er freilich einen ganz 
anderen Charakter geben woilte; dasselbe sollte eine Gesetzgebung und Verwaltung ent⸗ 
prechend der vernuͤnftigen Naturordnung durchführen, die durch Fron und Steuern 
überlasteten Bauern erleichtern, in erster Linie persönliche Freiheit und freies Eigentum 
zewährleisten, freien Verkehr und Handel durchführen. Aus der Vorstellung, daß physisch 
Ale Menschen von den Produkten des Landbaues leben, aus der Beobachtung, daß 
Grundherren und große Pächter erhebliche Überschüsse für andere Zwecke haben, und 
aus der privatwirtschaftlichen Untersuchung des landwirtschaftlichen Roh— und Reinertrages 
rolgerte er, daß alle übrigen Klassen der Gesellschaft stets nur in ihren Einnahmen ersetzt 
exhielten, was fie verbrauchten, also steril seien, der Landbau allein einen disponibeln 
Uberschuß gebe, also produktiv sei; da alle Steuern auf diesen Überschuß zuletzt fallen, 
joll lieber Jleich eine einzige gerechte Grundsteuer alle anderen ersetzen. Alle bisherige 
Politik war ihm eine salsche Beförderung der Industrie, der Städte, des Luxus. Vor 
allem erschien ihm die Hemmung der Getreideausfuhr in Frankreich falsch; höhere 
Getreidepreise sollen durch die Ausfuhrfreiheit geschaffen werden. Die von Hume bereits 
bekämpfte Handelsbilanztheorie ist ihm eine Thorheit, „denn“, sagt er, „ein gerechter 
und guter Gott hat gewollt, daß der Handel immer nur die Frucht eines offenbar 
gegenseitigen Handelsvorteils sei“. In dem sogenannten tableau 60onomique werden die 
wvirtschaftlichen Klassen Frankreichs, ihr Einkommen und die Cirkulation der wirtschaft⸗ 
lichen Güter in einem willkürlichen Zahlenbeispiele dargestellt mit der fast kindlichen 
Hoffnung, damit eine arithmetisch⸗geometrische, feste Methode in die Wissenschaft eingeführt 
ju haben. Es bezeichnet den überspannten Sektenglauben, daß der ältere Mirabeau als 
Hauptschüler diese wunderliche Tafel mit ihren Zahlen, Strichen und Zickzackfiguren 
uͤr die dritte große Erfindung der Menschheit — nach Schrift und Geld — bezeichnete. 
Im Anschluß an Quesnay und seine Schüler hat dann Turgot, ein Mann der 
allgemeinsten philosophischen Bildung, mit Eleganz und Klarheit (Réflexions sur la 
formation et Iu istribütion des richésses, 1766) das Bild einer Tauschgesellschaft ohne 
die extremen physiokratischen Schrullen entwickelt. Tausch, Verschiedenheit der Menschen
	        
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