Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

90 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

und der Bodenverteilung, Eigentum, Geld, Kapital, Zins, Bodenwert sind die Kategorien,
mit Hülfe deren er die wirtschaftlichen Klaffen, den Verkehr, die Einkommensverteilung,
die Wirkung des Kapitals abstrakt erklärt und ähnliche liberale Forderungen aufstellt
wie Quesnay. Als Provinzialintendant musterhaft, hat er als Minister den über—
stürzenden Doktrinär hervorgekehrt. Seine Schriften sind hingeworfene, geist- und
geschmackvolle Skizzen, nicht ohne Übertreibungen und Gemeinplätze, geschrieben ganz
im Fahrwasser der individualistischen Naturrechtsaufklärung und im blinden Glauben
an deren erlösende Formeln; durch seine theoretisierende Zusammenfassung hat er aber
auf A. Smith und die Folgezeit wohl mehr gewirkt als die anderen Physiokraten. War
der Einfluß derselben im ganzen in anderen Ländern auch entfernt nicht so groß wie
in Frankreich, so bilden sie doch ein wichtiges Glied in der Gesamtentwickelung unserer
Wissenschaft. Sie sind die ersten Theoretiker, die ein einfaches System der wirtschaft—
lichen Gesellschaftsverfassung auf Grund der stoisch-naturrechtlichen Harmonieanschauungen
aufbauten, damit eine Reihe von Begriffen, Kategorien und Anschauungen schufen, die
seither als Gerüst der Disciplin dienten, die mit schwungvoller Begeisterung gegen die
Mißhandlung der unteren Klassen auftraten, damit überall, auch in den Salons der
Fürsten und Vornehmen, Beifall fanden. Sie bleiben ideologische Doktrinäre, aber
ihre d beobachtend und in ihr wurzelnd, haben sie doch verstanden, ihr die Wege
zu weisen. J
Hatten die Physiokraten hauptsächlich die Überschätzung der Industrie bekämpft,
so fuchte David Hume, der auch als Moralphilosoph und Erkenntnistheoretiker eine
führende Stellung einnimmt, durch scharffinnige Zergliederung des Handels und des
Geldes die naiven Irrtümer älterer Zeit zu widerlegen, und an ihn schließt fsich nun
sein etwas jüngerer Schüler A. Smith, der schon 1739 in seiner feinsinnigen und
liebenswürdigen Theorie der moralischen Gefühle sich ebenbürtig in die Reihe der großen
psychologischen englischen Gefühlsmoralisten gestellt hatte. Die Bedeutung feines großen
Werkes (Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations, 1776) liegt
darin, daß er, ähnlich wie James Steuart, aber von seinem individualistischen Stand—
punkte aus das. Ganze der volks- und staatswirtschaftlichen Erscheinungen in einem großen
Werke populär und doch mit wissenschaftlichen Exkursen vorführt und ähnlich wie Turgot
dieses Ganze unter dem Bilde einer vom Staate losgelösten Tauschgefellschaft von freien
Individuen mit freiem Eigentum darstellt. Aber er übertrifft dabei nun diese beiden
Vorgänger weit, den ersteren durch die zeitgemäßere liberale Tendenz und die wissen⸗
schaftliche Eleganz, den letzteren durch die Fülle und Breite der Ausführung und die
Freiheit von den physiokratischen Einseitigkeiten. Der Standpunkt ist jedoch im ganzen
derselbe, wie bei den Physiokraten, bei Locke oder Hume: ein idealer Naturzuftand ist
gleichsam in dem bürgerlichen enthalten, der Staat hat wesentlich nur die persönliche
Freiheit und das Eigentum zu gewährleisten; im übrigen sind seine Lenker „liftige,
verschlagene Tiere“, deren Thätigkeit seit Jahrhunderten nur die natürliche Ordnung
gestört hat. Unbedingt freie wirtschaftliche Bewegung und freie Konkurrenz erscheinen
als die nützlichen und gerechten Mittel, welche die Individuen am besten erziehen, die
socialen Klassen versöhnen, die Gesellschaft von selbst richtig organisieren. Den psycho⸗
logisch-⸗moralischen Hintergrund bildet die Analyse des natürlichen Menschen, der halb
im Sinne von Shaftesbury als gut, tugendhaft, mit sympathischen Gefühlen, halb in
dem von Hume und Helvetius als selbstisch gefaßt wird. Jedenfalls erscheint das
individuelle Selbstinteresse, das nach ihm im ganzen in den Schranken der Gerechtigkeit
sich bewegt, als die heilsame und nicht zu beschränkende Sprungfeder des wirtschaftlichen
Handelns wie des socialen Mechanismus. Aus ihm gehi die Arbeit, der Tauschtrieb,
der Spartrieb hervor. Die Einzelinteressen kommen von selbst zur Harmonie, nicht
durch Staat und Recht, wie bei den Physiokraten, nicht durch Kämpfe und Kompromisse,
sondern durch die weise Einrichtung der Triebe, die ein allmächtiger, gütiger Gott so
geschaffen, daß die gefellschaftliche Welt wie ein Uhrwerk sich abspielt. Es handelt sich
nur darum, die falschen Eingriffe der Gesetzgeber, der unter sich verschworenen Kaufleute
und Unternehmer in dieses Triebwerk zu beseitigen, alle Privilegien, falschen bisherigen
            
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