Die wissenschaftliche Beobachtung.
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Gültigkeit, erschöpfende Genauigkeit, extensive Vollständigkeit besitzen. Das einzelne soll
für sich und als Teil des Ganzen in seinen wahrnehmbaren Beziehungen zu diesem, im
Vergleich mit Ähnlichem und Verschiedenem beobachtet werden. Die wissenschaftliche
Fixierung der Beobachtung ist die Beschreibung; jede halbwegs brauchbare Beschreibung
setzt aber schon ein geordnetes System von Begriffen und die Kenntnis der bekannten
und festgestellten Formen und Kausalverhältnisse voraus.
Die volkswirtschaftliche Beobachtung hat es mit Handlungen der einzelnen und
der Gemeinschaften, mit den Motiven dazu, mit den Ergebnissen dieser Handlungen,
mit den socialen Formen und Verknüpfungen, die daraus entstehen, zu thun. Ihr dient
steis vereint innere und äußere Wahrnehmung. Die erstere giebt uns unmittelbare
Gewißheit über uns selbst und durch Vergleichung mit den Worten, Mienen und Hand—
lungen der anderen auch über diese. Die zweite führt uns von dem bunten Weltbilde
ein kleines Stuckchen direkt vor, das durch die Kraft seiner Anschaulichkeit uns so be—
herrscht, daß wir in all' unserm Denken davon abhängig bleiben, welches Stück der
Welt, hier der volkswirtschaftlichen Welt, wir selbst gesehen und erlebt. Die weitaus
größere Hälfte der Wahrnehmungen empfangen wir direkt durch Erzählung, Lektüre,
Berichte aller Art. Das Maß von Phantasie und Kraft der Vorstellung, über welche
der einzelne verfügt, bedingt die Wirksamkeit dieser verblaßten, schemenhaften, indirekten
Bilder. Das Maß von Scharffinn, Kritik, methodisch hiezu angeleitetem Verstande, das
dem einzelnen eigen ist, bedingt den richtigen oder falschen Gebrauch von diesen sekun—
dären Weltbildern. In der überlieferten Wissenschaft empfängt der einzelne eine syste—
matisch⸗angeordnete, nach gewissen richtigen oder schiefen Gesichtspunkten zurecht gemachte,
deilweise zu farblosen Abstraktionen verflüchtigte Summe von Beobachtungsresultaten,
welche die große Menge freudig hinnimmt, welche der Forscher stets von neuem wieder
prüft und ordnet.
Alle Beobachtung isoliert aus dem Chaos der Erscheinungen einen einzelnen Vor—
gang, um ihn für sich zu betrachten. Sie beruht stets auf Abstraktion; sie analysiert
einen Teilinhalt. Je kleiner er ist, je isolierter er sich darstellt, desto leichter ist das
Geschäft. Die relative Einfachheit der elementaren Naturvorgänge erleichtert auf dem Ge⸗—
biete der Naturwissenschaften die Beobachtung sehr; es kommt dazu, daß der Naturforscher
es in seiner Gewalt hat, die Umgebung, die mitwirkenden Ursachen beliebig zu ändern
d. h. zu experimentieren und so den Gegenstand von allen Seiten her leichter zu fassen.
Nicht bloß ist das bei volkswirtschaftlichen Erscheinungen häufig nicht möglich, sondern
diese sind stets — auch in ihrer einfachsten Form — sehr viel kompliziertere Gegenstände,
abhängig von den verschiedensten Ursachen, beeinflußt durch eine Reihe mitwirkender Be—
dingungen. Nehmen wir eine Steigerung des Getreidepreises, des Lohnes, eine Kurs—
veraͤnderung oder gar eine Handelskrisis, einen Fortschritt der Arbeitsteilung; fast jeder
solche Vorgang befteht aus Gefühlen, Motiven und Handlungen gewisser Gruppen von
Menschen, dann aus Massenthatsachen der Natur (z. B. einer Ernte) oder des technischen
Lebens (z. B. einer Maschineneinführung), er ist beeinflußt von Sitten und Einrichtungen,
deren Ursachen weit auseinander liegen. Es handelt sich also stets oder meist um die
gleichzeitige Beobachtung von zeitlich und räumlich zerstreuten, aber in sich zusammen⸗
hängenden Thatsachen. Und vollends, wenn typische Formen des volkswirtschaftlichen
Lebens, wie die Familienwirtschaft, die Unternehmung oder konkret eine bestimmte Volks—
wirtschaft, ein Industriezweig beobachtet werden sollen, so steigert sich die Schwierigkeit
des Selbst- und des Richtigsehens, des Zusammenordnens von vielen Beobachtungen
außerordentlich. Die Möglichkeit von Fehlern liegt um so näher, je größer, verzweigter,
komplizierter die einzelne Erscheinung ist. Die an sich berechtigte Vorschrift, einen zu
untersuchenden Vorgang in seine kleinsten Teile aufzulbsen, jeden für sich zu beobachten
und aus diesen Beobachtungen erst ein Gesamtergebnis zusammenzusetzen, ist nur unter
besonders günstigen Umständen restlos durchzuführen. In der Regel handelt es sich
darum, aus gewissen, an einem Vorgang festgestellten sicheren Daten die übrigen nicht
oder nicht genügend beobachteten schließend zu ergänzen und so sich ein Bild von dem
Ganzen desfelben zu machen; das geschieht unter dem Einflusse gewisser Gesamteindrücke