106 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Gesetzmäßigkeit kausaler Verknüpfung erkannte oder ahnte, so sehr man auf einzelne
Ursachen sofort verfiel, wie die Naturrechtslehrer die allgemeine Menschennatur, die
Merkantilisten den Geldverkehr, A. Smith die Arbeit und den Erwerbstrieb in den
Vordergrund der Kausalerklärung rückten, so wenig konnte ein solches fummarisches
Hinweisen auf eine Ursache oder Ursachengruppe genügen, noch weniger konnte eine Art
rohen Analogieverfahrens als das Hauptprincip der Erklärung befriedigen. So wenn
man Bevölkerung, Volkswirtschaft und Gesellschaft nach dem Vorbilde der Physik als ein
mechanisches System von Kräften anfsah, die sich im Gleichgewicht halten, oder wenn
man glaubte, durch den bei Pflanzen und Tieren beobachteten Kampf ums Dasein den
socialen Entwickelungsprozeß analog erklären zu können. Gewiß können solche Analogien
manches anschaulicher machen und Zusammenhänge finden helfen, aber sie führen
ebenso oft auf Irrwege und können die Erklärung aus den konkreten Einzelursachen nie
ersetzen.
Seit die neuere Wissenschaft zu dem freilich nicht beweisbaren, aber trotzdem un—
erschütterlichen Glauben von einem gleichmäßigen, in sich stets lückenlos zusammen—
hängenden, durch bestimmte Kräfte beherrschten Entwickelungsprozeß der Natur, der
Geschichte und der menschlichen Gesellschaft gekommen ist, erscheint die Feststellung der
speciellen und zwar der sämtlichen Ursachen jeder einzelnen Erscheinung als die wichtigste
Aufgabe des wissenschaftlichen Verfahrens. Nur so kommt diejenige Einheit und Ord—
nung in die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, welche uns befriedigt. Von
den vielen verschiedenen und nächstliegenden Urfsachen versuchen wir dann aufzusteigen
zu den wenigen und einfachen. So hoffen wir zu einer erschöpfenden Erklärung der Welt,
der Koexistenz und Folge der Dinge zu kommen.
Aber die Aufgabe ist eine unendlich schwierige. Was ist Ursache? was ist Folge?
Wenn wir antworten, A ist die Ursache von B, wenn A das unbedingte und notwendige
Antecedens von B ist, so fügen wir doch gleich bei, daß Benicht logisch in A enthalten
sei, daß B nur erfahrungsmäßig als stets integrierender Teil eines Ganzen sich uns
darstelle, in dem A den Vortritt vor B habe. Wir sehen, daß selbst bei einfachen
phyfischen oder biologischen Vorgängen der Eintritt einer Thatsache meist von einer
Summe von Zuständen und Vorbedingungen abhängt, deren nur eine zu fehlen braucht,
um den Eintritt, wenigstens in dieser Form, zu hindern.Es ist nur eine Art sprach—
licher Aushülfe, wenn man den zuletzt hinzutretenden Faktor als Ursache, die vorher
vorhandenen als Bedingungen bezeichnet. Vollends alle gesellschaftlichen und volkswirt—
schaftlichen Erscheinungen haben wir regelmäßig auf eine Reihe physischer und biologischer
Ursachen einerseits, auf eine Reihe psychischer und moralischer andererseits zurückzuführen.
Und jede dieser Einzelursachen weist auf zeitlich weiter zurückliegende Ursachenketten und
komplexe hin, die wir niemals ganz erfassen können. Das komplizierte Rebeneinander
des Seienden geht stets auf frühere Kombinationen, auf gesetzlich geordnete aber fern
liegende, uns unerforschliche Zustände zurück, über die wir uns nur Vermutungen und
Hypothesen erlauben, die wir nur durch teleologische Betrachtungen uns verfändlich
machen können.
Schon die Doppelbedingtheit aller volkswirtschaftlichen Erscheinungen durch ma—
terielle und geistige Ursachen erzeugt für die Untersuchung besondere Schwierigkeiten.
Der häufig gemachte Versuch, die letzteren auf die erfteren zurückzuführen, wie es die
Materialisten und Buckle gethan, der aus Klima, Boden und aͤhnlichen Faktoren die
geiftige Entwickelung eines Volkes ableiten will, oder wie die Marxianer aus der bko—
nomischen Produktion alles höhere Kulturleben restlos glauben erklären zu können, muß
immer wieder scheitern. Denn so sehr heute der Zusammenhang alles geistigen Lebens
mit dem Nervenleben, der Parallelismus der psychischen und biologischen Erscheinungen
erkannt wird, aus rein materiellen Elementen ist nie und wird wohl nie das Seelen—
leben erklärt werden. Gewiß finden heute auch die umgekehrten Sätze der Idealisten
keinen Glauben mehr; so z. B. der Ausspruch des englischen Historikers Froude: „Wenn
es einem Menschen frei steht zu thun, was er will, so giebt es keine genaue Wissen—
schaft von ihm; wenn es eine Wissenschaft von ihm giebt, so giebt es keine freie Wahl.“