Die Indogermanen; Russen, Italiener, Franzosen. 153
Schachergeist, das vorwiegende Bauerntum, die Fähigkeit, zuerst alle Schwierigkeit leicht
zu überwinden, dann stehen zu bleiben, die Anbequemung an jede Situation.
Der Russe ist weichen, zärtlichen Charakters und liebt die Musik; er bleibt unter
den größten Entbehrungen munter; er ist ein ausgezeichneter Bedienter, Handlanger,
Soldat; er geht als Bauer, als Krämer, als Hausierer, als Arbeiter überall hin, wo
der rusfische Doppeladler herrscht, aber nicht über ihn hinaus. Der Russe ist überall
—————
halb barbarischen Handelsmenschen; listig, zur Simulation geschickt, dem Betrug nicht
abgeneigt, mit leidenschaftlichem Triebe des Gelderwerbes, nach Trinkgeldern lüstern bis
zur Selbfterniedrigung. Anhänglichkeit, Treue, maschinenmäßige Ausdauer, Gehorsam
zeichnen ihn aus. Er liebt die Gesellschaft, ist von religiösen Stimmungen beherrscht,
aber es mangelt noch die Ehrlichkeit, das Zartgefühl, das Gewissen der höheren Kultur
wie die entschiedene Energie, die höhere Intelligenz. Die Arbeit erscheint der Masse
fast noch als etwas Entehrendes. Der Russe lebt vielfach noch in den Tag, verkauft
sein Ehebette oder seine Silbersachen, wenn er eine Reise vorhat. Er ist nicht so zuverlässig
und pünktlich wie der Deutsche, aber auch nicht eigensinnig wie dieser. Er ist Realist
in der guten und weniger guten Bedeutung des Wortes, wo der Deutsche Idealist ist.
Die heutigen Italiener haben etruskisches, italisches, griechisches, keltisches,
phönikisches, semitisch-arabisches, germanisches Blut in sich: eine einheitliche Nation sind
sie seit den Tagen der römischen Weltherrschaft geworden; sie waren es so früher als
alle anderen europäischen Nationen; diesen Traditionen, der römischen Kirche und ihrer
Handelslage verdanken sie ihre hohe mittelalterliche Kultur, die das Wesen des Volkes
bis heute beherrscht. Die Italiener wurden damals die ersten rein individuellen Menschen
der modernen Zeit.
Unter dem glücklichen Himmel werden die materiellen Bedürfnisse leichter befriedigt
als im Norden; felbst das Proletariat behält damit eine Freiheit, eine gewisse persönliche
Würde, die, gepaart mit Anstand und Schönheitsgefühl, mit einer Sprachfähigkeit
ohnegleichen, die Nordländer überrascht und beschämt. Frugal, nüchtern, höflich und
iebenswürdig, geschwätzig und musikalisch, aber auch naiv eigennützig und intrigant,
klug reflektierend zeigt der Italiener eine Einfachheit und Geschicklichkeit im Denken und
Handeln, die vor allem auf der Abwesenheit von tieferen Gemütsbewegungen beruht.
Das Individuum ist ein vollendeter Mensch, die Herrschaft der Familie, der Gesellschaft,
des Staates über ihn ist gering; man findet sich mit ihm, wie mit der Kirche, äußerlich
ab, geht klug seinen Plänen nach, erreicht dabei Großes in der Kunst, in der Diplomatie,
auf vielen Gebieten; aber auch in der Intrigue, in der Pietätlosigkeit, der Falschheit,
ja der Ruchlosigkeit. Gewissen und Scham spielen gegenüber der natürlichen Naivität,
der Phantasie und der Leidenschaft die geringere Rolle. Das Volk pfeift und singt,
schwatzt und gestikuliert den ganzen Tag; es arbeitet zum großen Teil auch unermüdlich;
die unteren Klafsen arbeiten sich fast zu Tode. Der italienische Arbeiter ist dem deutschen
oielfach überlegen. Dabei ist der Gegensatz der Stände geringer als irgendwo; der
Fürst sitzt in der Kneipe neben dem Spießbuͤrger und neben seinem Pächter; alle Klassen
sind städtisch angehaucht, haben städtische Gewohnheiten, was freilich nicht hindert, daß
die Ärmsten der Armen auf dem Lande fast ein Leben wie die Wilden führen. Heute
lasten über dem schönen Lande noch die Nachwirkungen jahrhundertelanger Mißregierung.
Wenn etwas das Volk wieder heben kann, so ist es der gesunde, mit der Kirche ver—
söhnte nationale Staat, wenn ihm die Ausbildung gerechter Institutionen und die
Beseitigung der althergebrachten Korruption gelingt. Auch die volkswirtschaftliche
Hebung des Landes hängt daran.
die Franzosen sind als Romanen den Italienern verwandt. Aber den Kern
des Volkes bilden die gallischen Kelten, welche die iberischen Ureinwohner ebenso
äbsorbierten wie die späteren germanischen Einwanderer. Die 400 jährige römische
Herrschaft hat die dauerndsten Spuren im Volkscharakter hinterlassen; aber auch sie
hat die reizbaren, schnell entschlossenen, gesprächigen, witzigen, eitlen und kampflustigen
Gallier aus Cäsars Zeit nicht sowohl verändert als abgeschliffen. Heute wie damals