Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Der Generationswechsel und die Altersklassen. 161

11—-32 0/0; auf ihnen ruht überwiegend die wirtschaftliche Last der Unterhaltung der
Familien, der Gemeinden, des Staates. Von den beiden anderen Altersgruppen, die
überwiegend nur verzehren, fällt die Heranziehung der künftigen Generation 4226 mal
schwerer als die Pflege der absterbenden. Sie ist durch die viel stärkeren Triebe der
mütterlichen und elterlichen Liebe garantiert; aber diese haben oft nicht ausgereicht
ind reichen selbst heute vielfach noch nicht ganz aus; ein großer Teil der Kinder ist
zu allen Zeiten der Schwierigkeit zum Opfer gefallen, welche durch ihre wirtschaftliche
Pflege für die Eltern entstand. Auch die viel leichtere Last, die alten Leute zu unter—
halten, hat immer schwer auf der Gesellschaft geruht. Und wenn die rohesten Zeiten,
zie doch viel weniger Greise hatten, die Alten töteten, so hat die höhere sittliche Kultur
zwar ihre Lage gebessert, hat Jahrtausende lang Ehrfurcht und Pflege für das Alteri
berlangt, ist aber nie voll zum Ziele gelangt; noch die neueste Entwickelung zeigt, daß
Zie Liebe der Verwandten und Kinder nicht recht ausreichen will, daß alle möglichen
Versicherungs-, Pensions- und ähnliche Einrichtungen über die Klippe hinweghelfen
müssen.
Auch wenn man die Abgrenzungen der drei großen Altersgruppen etwas anders
taßt oder ihre Zahlenverhältnisse weiter ins einzelne verfolgt, wird das Bild nicht viel
geändert. Die unler 15 jährigen machen durchschnittlich etwa 35 0/0, die 135—7 0jährigen
Awa 60 0/0, die über 70 jährigen etwa 5 8/0 aus. Engel berechnet, daß die preußische
Bevölkerung 1835 444 Millionen Jahre durchlebt hatte, und daß von diesen auf,die
Zeit vom 15. —70. Jahre nur 230, auf die übrige, die sogenanute „unproduktive“
Zeit 210 Millionen fielen. Die Säuglinge unter einem Jahre machen in Deutschland
ast 30/0 der Bevölkerung, die schulpflichtigen Kinder 17,18 040 aus; die wehrpflichtigen
mannlichen Altersklassen (17 —45 jährigen Männer) 19 — 200/0. Die ehemündigen, über
16 Jahre alten Frauen 82—38 0/0. An Gebrechlichen (Blinden, Taubstummen, Irr—⸗
innigen) rechnet man etwa 0,4 0/0; an Kranken gehen von den sonst produktiv Thätigen
mmer noch einige Prozente regelmäüßig ab. So giebt der Altersaufbau durch alle wirt—
schaftlichen Lebensverhältnisse hindurch den festen zahlenmäßigen Rahmen für die Summe
der verwendbaren Kräite und der daneben zu tragenden Lasten.
Natürlich ist nun aber das Verhältnis von Kraft und Last je nach den Kultur—
— (da
ihre Zahlen alle der Gegenwart und mehr oder weniger geordneten Staaten angehören)
die Gegensätze, die in der Geschichte vorgekommen sind, entfernt nicht in ihrer vollen
Schärfe zu entnehmen. Je weiter wir in der Geschichte und Kultur der Menschheit
zurückgehen, desto weniger erwachsene und ältere Versonen waren ohne Zweifel durch—
ichnittlich in jeder Gesellschaft.
Herbert Spencer hat durch eine Vergleichung aller Tierarten und dieser mit den
Menschen gezeigt, daß bei den niedrigsten Wesen die Erzeugung der Nachkommen Ver—
aichtung der Eltern bedeutet, daß, je höher die Wesen stehen, desto mehr die Jugendzeit
und die Epoche nach der Geschlechtsreife verlängert wird, Eltern und Kinder neben
einander leben. Er sieht in dem Verhältnis der Natur- zu den Kulturvölkern einen
ihnlichen Fortschritt: dort frühe Geschlechtsreife, frühes Altern und Sterben, erschöpfende
Inanspruchnahme der Frauen durch Kindererzeugung, größte Kindersterblichkeit; hier,
zumal bei den nördlichen Rassen, längere Jugend, spätere Geschlechtsreife, Verringerung
der Geburtenzahl, höheres Alter; das menschliche Leben ist weniger durch die Fort—
pflanzung ausgefülit, andere Zwecke können mehr verfolgt werden; es leben mehr
Menschen, welche die Zeit der Kindererzeugung hinter sich haben; und dabei sorgen die
Eltern für die Kinder, diese für jene besser, die edelsten Freuden beider aneinander
wachsen; all' dies setzt er in Zusammenhang mit der Monogamie und ihrem Siege.
And er hat wohl mit diesem Gedanken vollständig recht: das planmäßige Leben der
hohen Kuͤltur, die Herrschaft der Überlieserung, die feste Ordnung der Gesellschaft hängt
nii einer steigenden Zahl erwachsener, älterer, für höhere Aufgaben zugänglicher Menschen
zusammen. Äuch der Wohlstand kann eher steigen, wenn nicht eine Uberzahl von Ge—
Schmoller. Grundriß der Volkswirtschaftslehre J. 4-6. Ausfl. 11
            
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