Der Neumalthusianismus. Die älteren Wanderungen. 177
Die Wanderungen der Menschen zerfallen in drei klar sich scheidende Epochen:
u) die roheren Naturvölker haben meist zum Boden noch kein festes Verhältnis, sie
wandern häufig und geschlofsen in Stämmen; 46) die seßhaft gewordenen Völker ver—
lieren die Wanderlust und -Fähigkeit zu einem erheblichen Teile, nur teilweise üben sie
sie noch in der Form von Eroberung und Kolonisation aus; y) die heutigen Kultur—
bölker haben sich erst auf Grund der modernen Verkehrsmittel und des modernen
Bölkerrechts zu einer steigenden Einzelaus- und ⸗-Einwanderung erhoben und haben
zugleich die Ausdehnung über die ganze Erde wieder als Kolonisatoren in großem Stile
aufgenommen.
c«) Auch die rohesten Stämme haben da und dort unter günstigen Bedingungen
in derselben Stelle durch Generationen hindurch sich aufgehalten. Aber so lange kein
Hausbesitz von Wert, keine wertvoll gewordenen Acker-⸗, Garten-, Wege- und Brunnen—
unrichtungen sie fesseln, lassen sie sich leicht von Feinden weiter drängen, verlassen sie
erschöpfte Jagd-, Weide- und Ackergründe leicht, um bessere zu suchen; sie bedürfen
großer Flächen; kleine Zunahme treibt die Stämme oder Teile derselben weiter; Beute—
lust, Abenteurersinn, dunkle Hoffnungen auf bessere Existenz wirken mit. Auch der
Herdenbesitz und der primitive Ackerbau haben Jahrtausende lang die Wanderungen
vwohl etwas erschwert aber nicht verhindert. Die Indogermanen sind von Mittelafien
über ganz Europa, die Mongolen über Europa, Asien und Amerika, die Malaien von
Madagaskar über Südasien bis in die fernsten Inseln des stillen Ozeans gewandert.
Fast alle antike und die ältere mittelalterliche Staatenbildung knüpft an die Wande—
ungen der Kulturrassen an. Auch die seit Jahrzehnten seßhaft gewordenen Völker sind
leicht immer wieder ganz oder teilweise in Bewegung gekommen, wie wir in der
Völkerwanderung sehen. Die Indogermanen hatten, wie Ihering an der Institution
des ver sacrum der Römer nachzuweisen sucht, den an die Wandersitte und Marsch—
organisation der Halbnomaden sich anschließenden Brauch ausgebildet, zu bestimmter
Zeit, wenn ihrer zu viele wurden, eine Auswahl junger Männer und Weiber, mit
Führern, Waffen und Vieh vom Hauptstamme ausgestattet, hinauszusenden, um sich
eine neue Existenz zu gründen. Ein Nachklang dieser ältesten Wanderungen der Stämme
o»der Stammesteile ist es, wenn in den großen Eroberungsreichen des Orients eine
hzarbarische Königsmacht ganze Stämme oder ihre Aristokratien und oberen Schichten zu
Tausenden in gänz eutfernte Landschaften versetzte, um so den nationalen Geist und
die Stammesorganisation zu brechen. Und Ahnliches wiederholt sich später in den ver—
schiedensten Teilen der Erde von Karl d. Gr. bis in die centralamerikanischen Reiche
des 15.—16. Jahrhunderts.
Bei allen diesen älteren Stammes- und Völkerbewegungen, wobei Hunderte und
Taufende gemeinsam mit Weib und Kind, mit Hab und Gut, mit Vieh und Wagen
iich kämpfend in Bewegung setzten, teils leere Gebiete besetzten, teils erobernd oder
geduldet in schon besiedelte Länder vordrangen, andere Stämme oder Völker knechteten
oder vernichteten, handelte es sich um halb oder ganz kriegerische, von Häuptlingen
oder Königen geleitete Bewegungen, die ebenso oft zum Untergang der Wanderer wie
zu dem der von ihnen Bedrohten führten; alle diese Wanderungen haben durch Hunger,
Krankheit und Mißgeschick aller Art ebenso wie durch Kämpfe einen entsetzlichen Menschen—
verbrauch herbeigeführt, aber daneben die kräftigsten Völker zur Herrschaft und zum
Gedeihen in den für sie passendsten Gebieten gebracht.
6) Die seßhaft gewordenen Völker verlieren die Wanderungs-, Eroberungs- und
Expansionsfähigkeit in dem Maße, wie die friedliche Ackerbaukultur ihnen gelingt, wie
sie einen im Werte steigenden Haus-, Acker-, Garten⸗ und Baumbesizt haben, wie starke
Rachbarn sie umgeben. Einzelne spinnen sich rasch in philisterhafte Ruhe und in ein
behagliches örtliches Wirtschaftsleben ein; andere behalten wenigstens die Kraft, die
hnen zugefallenen leeren Räume zu besiedeln, die Waldungen zu roden und so die
Möglichkeit der Existenz für eine wachsende Nachkommenschaft zu schaffen. Wo Schiff—
fahr und Handel blühen, oder kriegerischer Eroberungsgeist im Volke oder in einer
Jjerrschenden Klasse sich erhält, da kann freilich lange auch bei im übrigen friedlich
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-26. Aufl. 12