Die heutige Technik der Textilgewerbe. 215
5—600 Spindeln. Die Kammgarnspinnerei wurde erst 1348 —50 erfunden; 1895 hatte
eine deutsche Wollweberei durchschnittlich 1451500 Spindeln. Der Sieg des voll⸗
endeten Maschinensystems in diesem Gewerbszweige gehört den letzten 30 Jahren an.
Und ähnlich ging es in der mechanischen Leinenspinnerei, die erst 1824 ganz gelang.
Auch in Großbritannien und Irland waren 1850 nur etwas über 1 Mill., 1890
15 Mill. Leinenspindeln thätig. Der Kampf der Maschine mit der Leinenhandspinnerei
dauerte in den meisten Staaten bis 1860, ja bis 1880.
Hatten die Wolle und der Flachs dem mechanischen Spinnprozesse viel größere
natürliche Schwierigkeiten bereitet als die Baumwolle, so war die mechanische Weberei
üͤberhaupt viel schwieriger als das Spinnen; der Schlag der Maschine riß zu leicht die
Fäden ab. Ähnlich wie in der Spinnerei waren die anderen Gespinstfäden wieder
schwerer auf dem Maschinenstuhl zu verwenden als die von Baumwolle. Der Kraftstuhl,
1787 von Cartwright erfunden, konnte erst von 1810—15 an (nach Fairbairn) etwas
mehr angewandt werden. Man zählte in Großbritannien 1820 erst 14000, 1835 aber
schon 116 000, 1875 440 000, 1890 618000 Kraftstühle für Baumwollgewebe; die
inderen Staaten folgten viel langsamer; Preußen hatte 1861 erst 7000 Kraftstühle für
Baumwollgewebe, Deutschland 1891 245 000 (nach Juraschek). In der gesamten Woll⸗
industrie siegte der Kraftstuhl erst 1860— 1900; die Laufttzer große Tuch— und Woll—⸗
industrie halte 1860 erst 37, 1890 3000. Die mechanische Leinenweberei ist noch
jünger; sie erreichte in Großbritannien 1875 erst 486000, 1890 658 000 Kraftstühle;
im Handelskammerbezirke Schweidnitz, einem Hauptgebiete der deutschen Leinenindustrie,
stieg ihre Zahl 1871 ̃598 von 1200 auf 8800. Die Seidenweberei ist erst jetzt in der
umwandlung zu mechanischer Kraft begriffen und zwar nur in den technisch am höchsten
stehenden Ländern.
Neben der Verbesserung der eigentlichen Spinnerei und Weberei haben die großen
Fortschritte der Kunstbleiche, der Fauͤrberei, der Druckerei und die Hülfsmaschinen die
Textilindustrie gewaltig beeinflußt: so die Spul-, die Scher⸗, die Schlichtmaschine, die
Waͤsch- und Spulmaschinen, die Centrifugaltrockenmaschinen und andere mehr. Wollte
man auch nur das Wichtigste aus den sonstigen technischen Fortschritten der Bekleidungs⸗
gewerbe anführen, so wären vor allem die verbesserten Wirkstühle, die Strick-⸗, die Näh-,
die Stick,, die Tüll- und Bobbinetmaschinen zu nennen, die in ihrem Bereiche die
durchgreifendsten Umwälzungen hervorgebracht haben. Von den durch Elias Howe
haupisächlich seit 1846 geschaffenen, seit 1856 sich verbreitenden Nähmaschinen waren
schon 1875 in den Vereinigten Staaten eine halbe Million, auf der ganzen Erde 1877
über 4 Millionen im Gange. Die Zahl der Stiche wird durch sie von 25 auf 2000 in
der Minute vermehrt.
Die Verbesserung und Verbilligung unserer Kleidung, Wäsche und Hauseinrichtung
durch diese Fortschritte in der Gewebeherstellung und Bearbeitung ist ganz außerordentlich.
Schon 1848 rechnete man, daß mil der Hand erst 17 Mill. Handspinner das hätten
leisten können, was die 148 900 Maschinenspinner der Kulturstaaten fertig brachten.
Immer darf man nicht übersehen, daß diese enorme Steigerung der produktiven Kraft
sich auf ein Bedürfnis bezieht, das nur 14200,0 des Einkommens bei den Kultur⸗
völkern in Anspruch nimmt; daß wenn wir uns heute durch die Bekleidung der Natur—
und Halbkulturvoölker bereichern, diesen vielsach ihre älteren technischen Künfte dafür
oerloren gehen; und daß die konzentrierte arbeitsteilige Maschinenarbeit Millionen
Familien der unteren Klassen einen Teil ihrer hauswirtschaftlichen Thätigkeit und eine
Rebenarbeit des Spinnens, Webens, Strickens, Nähens raubte, die zwar mäßig bezahlt
aber zum Lebensunterhalt für sie unentbehrlich war, durch ihr Versiegen diese Millionen
teilweise proletarisfierte; die ganz andere sociale Schichtung und Umbildung der
Erwerbsverhältnisse durch diesen Prozeß macht ein wichtiges Stück der neueren socialen
Beschichte aus. —
Der Bergwerks⸗- und Hüttenbetrieb bewegte sich im 18. Jahrhundert zunächst in
den Geleisen, welche der technische Fortschritt des 16. ermöglicht hatte. Aber man suchte
dem steigenden Bedarf durch Vergrößerung der Hochöfen und durch Heizung mit Stein—