10 Einleitung. Begriff. Pfychologie und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
bleibt, ahmt er bewußt oder unbewußt täglich und stündlich Unzähliges nach. Wie
der Hypnotiseur sein Medium, so zwingen überall die führenden Menschen die Masse
in ihren Bannkreis, und tauschen alle sich Berührenden ihre Gefühle und Gepflogenheiten
unwillkürlich aus. So konnte Tarde sagen: eine Gesellschaft ist eine Gruppe vom Wesen,
die fich untereinander nachahmen, oder die ähnliche Nachkommen solcher Wesen sind, die
sich früher nachgeahmt haben.
Die ununterbrochene und unwiderstehliche psychische Wechselwirkung und Suggestion
aller sich Berührenden stellt den verbindenden Strom dar, der gemeinfame Gefühle,
Verständigung, Ineinanderpassung, sowie Abschließung gegen außen herbeiführt. Aber
dieser Strom wäre ewig schwach geblieben, wenn er nicht durch die Sprache, die Schrift,
die Vervielfältigung derselben, sowie durch die Methoden ihrer Verbreitung und Benutzung
eine Kraft erhalten hätte, welche sich zu der wortlosen Verständigung und Wechselwirkung
verhält, wie die heutigen starken elektrischen Induktionsströme zu den schwachen galva
nischen Strömen.
2. Die pfychophysischen Mittel menschlicher Verständigung: Sprache und Schrift.
Herdex, Uber den Ursprung der Sprache. 1772. — Jakob Grimm, Über den Ursprung
der Spraͤche, Kleine Schriften 1 1864. — La zarus, Geist und Sprache, Leben der Seele. 2, 1867. —
Steinthal, Der Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens 1877.
Steinthal, Die Entwickelung der Schrift. 18880 Wulltke, Geschichte der Schrift und
des Schrifttums. 18723. — Faulmann, Illustrierte Geschichte der Schrift. 1880. — Kirchhoff,
Die Handschriftenhändler des Mittelalters. 1888 — Wakltenbach, Zas Schriftwesen des Mittel.
alters. 1871. — Treutlin, Geschichte unserer Zahlzeichen. 1875.
Falkenstein, Geschichte der Buchdruckerei 1840. — Kirchhoff, Beiträge zur Geschichte des
deutschen Buchhandels. 1881-53. Archtv für Geschichte des deuischen Buchhandels. — Buchner,
Beiträͤge zur Geschichte des deutschen Buchhandels. 1874. — Jul. Duboc, Geschichte der englischen
Presse. 1873. — Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Enistehung der öffentlichen Meinung 1875.
Karl v. Raumer, Geschichte der Päbdagogik seit dem Wiederaufblühen klass. Studien bis auf
unsere Zeit. 5. Aufl. 1877 ff. — Karl Schmädit, Geschichte der Pädagogik. 3. Aufl. 1878 -76.
Sander, Lexikon der Pädagogik. 1888.
Edwards, Mémoirs“of libraries. 1889. 2 Bde. — Ders., Libraries and founders of
libraries. 1865.
5. Die Sprache. Die Sprachbildung ist Gesellschaftsbildung, die Sprachlaute
sind Verständigungslaute. Man hat beobachtet, daß gewisse Tiere bis zu 10, 12, ja
20 verschiedene Töne haben, deren jeder den Genossen eine andere Stimmung andeutet.
Der gemeine Mann foll selbst mitten in der heutigen, aufgeklärten Gesellschaft nicht über
300 Worte gebrauchen, während der Gebildete es bis zu 100 000 und mehr bringt.
In diesen Zahlen drückt sich wenigstens einigermaßen die steigende Fähigkeit zur Ver—
gesellschaftung aus.
Die Entstehung der Sprache ist eine Seite an dem Vernünftigwerden des Menschen.
Die Anschauungen und Vorstellungen werden erst in wenigen, dann in mehreren Lauten
und Worten vergegenständlicht. Der Mensch will sich dem Menschen verständlich machen;
wie wir schon sahen, wirken Gebärden, Gefühle und Leidenschaften ansteckend; was
den einen erfüllt, klingt sympathisch beim anderen an. Das Fühlen, Vorstellen und
Denken kommt durch das Zusammensein mit anderen in Fluß, und so entstehen durch
die Gesellschaft und durch die sympathischen Gefühle die Verständigungslaute und mit
ihr die fixierten Vorstellungen und Begriffe, das Denken selbst. Alle Erweiterung fester
Beobachtung, alle umfassende Klafssifikation der Erscheinungen, alle Anhäufung der
Erfahrung, alle Entstehung allgemeiner Urteile und das Weiterschließen daraus hängt
an der Ausbildung fester Lautzeichen. Die Autorität des Vaters, des Häuptlings
wirkt mit, das lose, eben erst entstehende Band, das im verstandenen Worte liegt, etwas
fester zu ziehen. Es entsteht mit der Sprache und dem Denken das gefellschaftliche
Bewußtsein.
Freilich zunächst nur in wenig fester Form. Die Ursprachen umfassen kleine
Gruppen von Menschen. Je niedriger die Kultur, desto zahlreichere verschiedene Sprachen