Hof⸗ und Dorfsystem nach Möser, Inama, Meitzen. 261
Dörfer. Es ist das die bis heute vorherrschende Meinung, die durch geographische
Siedelungsstudien mannigfache Unterstützung fand.
Nicht sowohl sie bekämpfen als etwas korrigieren wollte Inama mit seinen Unter—
suchungen über die Höfe und Dörfer der Alpen. Er will einzelne Urdörfer, die vor den
Höfen da gewesen sind, nicht leugnen. Aber er will beweisen, daß schon Tacitus Dorf
und Hof neben einander gekannt habe, daß die ältere Kulturausdehnung dann in den
Alpen mehr durch Höfe ersolgt sei, daß die größeren Dörfer ihnen erst als späteres
Ergebnis hauptsächlich der Grundherrschaft folgten. Die überwiegende Viehzucht und
Feldgraswirtschaft des älteren Mittelalters in den Alpen und die Careysche Vorstellung,
daß die Besiedelung von den Höhen und Berghängen ins Thal gegangen sei, haben
wesentlich seine Gedanken beherrscht, die er in seiner Wirtschaftsgeschichte aber dahin
modifiziert, daß in der ältesten Zeit die kleinen Dörfer, die einzelnen Ausbauten, die
sogenannten Bifange im Walde und die Höfe gar keinen festen Gegensatz gebildet hätten,
daß von der Karolinger Zeit an die Höfe zurückgetreten, die Doöͤrfer größer geworden
seien. Diese Auffassung stimmt mit dem Resultat der Untersuchungen von Landau,
Arnold und Mone, daß im älteren Mittelalter die Zahl der kleinen Niederlassungen
außerordentlich groß gewesen, später durch Kriege, grundherrschaftliche Tendenzen und
andere Ursachen ihre Zahl auf die Hälfte oder noch mehr zurückgegangen sei.
August Meitzen führt in seinen feinsinnigen Untersuchungen über die Siedelung
der West- und Ostgermanen, der Kelten, Romanen, Finnen und Slaven uns ein Bild
ganz Europas vor und bringt die verschiedene Siedelung wesentlich in Zusammenhang
mit dem verschiedenen Volkscharakter; die größeren Gebiete des Hofsystems in Deutsch—
land (Westfalen), Frankreich, Belgien, Großbritannien und Irland sieht er als ein
Ergebnis keltischer, die des Dorfsystems als ein solches germanischer Siedelung an. Er
läßt die indogermanischen Völker als Nomaden in Europa einwandern; die germanischen
Marken von etwa 228 Geviertmeilen (ca. 100 —400 Geviertkilometer) stellt er sich als
Sitze der Weidegenossenschaften von 120 Familien oder 1000 Seelen vor, die durch
Übervölkerung etwa im Beginne unserer Zeitrechnung genötigt sind, für den größeren
Teil ihrer weniger Vieh besitzenden Genossen zum Ackerbau und fester Siedelung in Dörfern
überzugehen: Gruppen von 53—380 Familien erwerben durch Vertrag mit der Mark—
genossenschaft feste Dorffluren, legen die Dörfer an, teilen das zunächst dem Dorfe liegende
Ackerland in Gewanne, d. h. längliche Quadrate nach der Bodengüte; jeder Hufner
erhält im Dorfe Hausstätte und Gartenland, in jedem Ackergewann seinen Anteil von
jen1/3 bis 1 Morgen, außerdem die Nutzung in der gemeinsamen Dorfweide, event. auch
noch in der Mark. Die vorherrschende Gleichheit der Germanen, ihr demokratisch—
genossenschaftlicher Geist soll so am leichtesten über jeden Streit weggekommen sein, die
Dorfverfassung als eine feste nationale Institution erzeugt haben, die sie nun überall
mit sich brachten, wo sie nach der Zeit ihrer Ausbildung eindrangen. Nur einzelne
früher in Bewegung gekommene Stämme, welche in ihrer nomadischen Verfaffung er—⸗
obernd in das Keltengebiet sich vorschoben, sollen da der keltischen Hofsiedelungsweise
sich bequemt haben.
Daß die Kelten relativ früh zum vorherrschenden Hofsystem gekommen seien, folgert
Meitzen in erster Linie aus dem Studium der irischen Altertümer; hauptsächlich die
irischen Karten und historischen Nachrichten aus der Zeit nach 1600 zeigen ihm eine
Landaufteilung nach Hofsystem, dessen Entstehung er in die Zeit gegen 600 n. Chr. ver—
setzt. Die vorher bestandenen Weidegenossenschaften von je sechzehn zusammen wohnenden
und unter einem Häuptling zusammen wirtschaftenden Familien läßt er, auch infolge
von Übervölkerung, in ackerbauende, separierte Hofbauern sich verwandeln. Die große
Gewalt der Klanhäuptlinge läßt ihm den Vorgang, der die wirtschaftliche Zweckmäßig—
keit für sich gehabt habe, begreiflich erscheinen. Und in ähnlicher Weise denkt er sich
einige Jahrhunderte früher den Übergang der gallischen Kelten zu Ackerbau und Hof—
system; das wirtschaftliche Leben derselben erscheint ihm demgemäß relativ hoch entwickelt.
Wir können hier auf die weiteren Stützen, welche Meitzen jeiner Hypothese durch
Untersuchung der Hausbauformen und der Wanderungen giebt, so wenig eingehen wie