Die Tendenzen der Konzentration und der Decentralisation der Wohnweise. 273
Wohnen und Siedeln hindrängen. Und je nachdem die Menschen die Zwecke und die
Möglichkeit ihrer Durchführung klar erkennen oder nicht, je nachdem die natürlichen
ortlichen Vorbedingungen in ihrem Verhältnis zu den Zwecken klar oder unklar erfaßt
werden, desto mehr oder weniger werden die Familien und größeren Gruppen, die Massen
und die Obrigkeiten darauf hindrängen, das Maximum der Förderung und das Minimum
der Hinderung für ihre gesamten Zwecke durch die Art ihrer Siedelung zu erreichen.
Das Einzelne der Ergebnisse ist dabei von Klima und Wasser, von Boden- und Wärme—
verhältnissen beeinflußt und beherrscht; das Allgemeine derselben von den überlieferten
Sitten und gesellschaftlichen Institutionen, sowie von den überlieferten Resten früherer
Siedelung. Die vorgefundenen Gebäude, Wege, Grenzen, Grundeigentums- und Feld—
zinteilung sparen immer so viel Arbeit, daß man sie möglichst benußt. Und jede spätere
Anderung ist schwer; ein einzelner Zweck mag sie anzeigen, die anderen Zwecke können
aber noch gut in der alten Weise befriedigt werden oder widerstreben wenigstens durch
das Schwergewicht des Hergebrachten der Anderung.
„Alle Wandlungen der Kultur, der Technik, der Lebens- und Ernährungsweise,
alle Anderung der gesellschaftlichen Institutionen rücken stets wieder andere Zwecke in
den Vordergrund und erzeugen Tendenzen zu anderer Siedelung. Es ist ein nie ganz
ruhender socialer und individueller Anpaffungsprozeß, welcher die Menschen im Raume
bald mehr konzentriert, bald wieder mehr zerstreut, welcher aber doch nur in ganz großen
Perioden verschiedene Gesamtbilder der Siedelung und des Wohnens erzeugt.
Im ganzen werden wir sagen können: in den älteren Zeiten habe der Bluts- und
Geschlechtszusammenhang, das Schutzbedürfnis, dann auch Verwaltungs-, Schul-, Kultus—
rücksichten neben den wirtschaftlichen die Hauptrolle gespielt; bei höherer wirtschaftlicher
Kultur, mit ausgebildetem Verkehr, in fest und gut geordneten Staaten hätten die rein
wirtschaftlichen Motive und Zwecke eine steigende Rolle gespielt, weil die anderen Zwecke
Schutz, Unterricht ꝛtc.) jetzt leichter bei jeder Art des Siedelns zu befriedigen gewesen seien.
Auf eine sehr lange Periode der reinen Dorfsiedelung folgte mit der beginnenden
Staatsbildung und mit.Gewerbe und Handel der Gegensatz von kleinen Dörfern und
mäßigen Städten. Mit der Ausbildung größerer Staaten und verbesserter Berkehrswege
steigerte sich im späteren Altertum und in den letzten Jahrhunderten der Gegensatz zu
den vier Gliedern; Hof, Dorf, Klein- und Mittelstadt, Großstadt. Es sind vier Typen
der Wohnweise, des Gemeindelebens, welche verschiedene Arten von Menschen, von
Nachbarverhältnifsen, von wirtschaftlichen Einrichtungen erzeugen. Und gerade ihre
aeueste Ausbildung scheint dahin zu gehen, die Eigentümlichkeit der Typen und ihrer
einzelnen Erscheinungen nach gewissen Richtungen zu steigern, nach anderen sie zu ver—
mindern. Das städtische Leben ist heute vom ländlichen sicher viel verschiedener als vor
100 und 200 Jahren, aber die einzelnen Groß- und Mittelstädte werden zugleich immer
verschiedener und eigentümlicher, passen sich verschiedenartigen Specialzwecken arbeitsteilig
an: als Handels-, Industries, See-, Binnen-, Universitäts-, Residenz-, Festungs-
Garnison-, Badestädte ꝛc. Neben die kleinen treten große und die Fabrikdorfer; neben
die Höfe die Weiler; die Zahl der Einzelwohnhäufer steigt. Zugleich ist mit dem
wachsenden Verkehr eine Tendenz vorhanden, das platte Land gewissermaßen zu ver—
städtern, einen Teil der Städte, besonders die Familienwohnungen, ins Grüne, in Vor—
orte zu verlegen, teilweise auch Gewerbe, die bisher in der Stadt sein mußten (wegen
des Verkehrs, der Arbeiter, der Kunden, des Modeeinflusses), aufs Land zu verlegen,
wohin jetzt die früher nur in der Stadt vorhandenen Einflüsse auch reichen.
b) Jede bestehende Ordnung des Wohnens erzeugt Sitten und Gewohnheiten des
täglichen Lebens, der Familienwirtschaft, der Arbeitsteilung, der Betriebsformen, des
Verkehrs; sie erzeugt bestimmte Formen und Einrichtungen der Gemeindeverfaffung und
der Staatsverwaltung. Sie ist stets ein Ergebnis ebenso sehr der öffentlichen Gewalten
wie der Individuen und Familien. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto
mehr scheint die Ordnung des Siedelns überwiegend in den Händen der Stammes—
und Volksorgane, der Fürsten, der Korporationen oder wenigstens der Genossenschaften
gelegen zu haben. Wo Stamm und Staat, Provinz und Gemeinde schon eine gewisse
Schmoller, Grundriß der Voltkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 2