Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

184 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
und der Propheten, der Heiligen und der Bekenner zugunsten 
eines einfacheren Glaubens das Denken der Zeit auf eine letzte, 
einfach wirkende Kraft in der Religion, auf den bloßen Begriff 
der Gottheit hinweisen sollen? In der Tat macht sich schon 
bei den Humanisten einfacher religiöser Theismus geltend; ihm 
entstammt die Lehre des Erasmus von der Philosophie Christi 
ebensosehr wie im Grunde die Religion des erasmischen 
Schülers Zwingli, der gegenüber der Calvinismus als ein 
weit stärker der christlichen Offenbarung folgender Glaube er⸗ 
scheint; ihm gehört nicht minder, mit einer Neigung zur Ab— 
biegung in den Pantheismus, die Lehre der Wiedertäufer an. 
Nun gingen zwar diese Theorien äußerlich seit Ende der 
zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts zurück oder wurden 
unterdrückt, im Grunde aber dauerten sie doch in sehr ver—⸗ 
schiedenen Formen fort: als Unterlage des naturalistischen und 
philosophischen Pandynamismus, als Überzeugung von Christus 
als dem Logos spermatikos, der Weisheit Gottes, die auch 
schon den Alten zuteil geworden sei, als Anschauung von einer 
theistischen Grundlage aller christlichen Konfessionen. Wie diese 
Überzeugung aber auch gewendet erschien, überall hatte sie nicht 
mehr den Charakter eines durch besondere Gnade Gottes ge⸗— 
wirkten geistigen Besitzes, sondern vielmehr das Wesen einer 
natürlichen vernünftigen Tatsache: eine menschlich-natürliche 
Frömmigkeit und damit das Grundelement einer natürlichen 
Religion war im Tiefsten gewonnen. 
Und die Kraft einer solchen frommen Überzeugung wurde 
in hohem Grade gestärkt durch fortdauernde Einwirkungen des 
Altertums. Denn war der Humanismus im Begriffe, zugrunde 
zu gehen, so blieb doch die Philologie und mit ihr die Kenntnis 
der alten Philosopheme. Da entsprach nun aber der Stoizis— 
mus, wie ihn in eklektischer Aufnahme Cicero, der vielgelesene 
Klafsiker der lateinischen Sprache, gelehrt hatte, ganz den 
theistischen Anschauungen: kein Wunder, daß sie durch ihn ge— 
hoben, geklärt und mit einer gewissen Autorität bekleidet wurden. 
Und in diesem Zusammenhang wurde auch das Luthertum 
noch einmal, durch die Vermittlung Melanchthons, für die all—
	        
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