Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

348 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. 
Molkereikundige, Inspektoren, Buchhalter, Maschinenwärter neben den Stallknechten und 
Tagelöhnern heranzuziehen. 
Ist aus dem vorstehenden klar, daß der landwirtschaftliche Betrieb, so mancherlei 
er gegen früher abgestoßen hat, doch keine Teilung der Produktion, wie der gewerbliche 
verträgt, daß die Leiter und die Hülfskräfte fich nicht so specialisieren können, wie in 
der Industrie, so ist damit zugleich erklärt, warum die Landwirtschaft technisch, wirt— 
schaftlich, pfychologisch etwas für sich bleibt. Sie behält stets ein gut Stück Eigen— 
— DD 
durch ihren isolierten Standort. So sehr der Landwirt rechnen, den Kredit zu benutzen 
lernen, die Konjunkturen studieren soll, er kann nie so sehr Spekulant, nie so von der 
Geld- und Kreditwirtschaft erfaßt werden wie der Industrielle und Kaufmann. Wie 
er deshalb wirtschaftlich, psychologisch und ethisch seit Jahrtausenden als der Antipode 
der anderen Hauptberufszweige angesehen wurde, so wird er es auch künftig immer bis 
zu einem gewissen Grade bleiben. 
An den Boden gebunden, von Natur und Wetter stets ebenso abhängig wie von 
Kunst und Technik, glaubt der Ackerbauer nicht so an Neuerung und Fortschritt wie 
der Gewerbetreibende. Er ist auch nicht so sparsam, so eifrig; er bleibt leichter im 
Schlendrian stecken; der große Grundbesitzer ist leichter ein luxuriöser Verschwender als 
der große Fabrikant und Kaufmann. Aber dafür hat der Landmann mehr Achtung 
vor der Sitte, ist ein gesünderer und besserer Soldat, ein treuerer und zäherer Patriot. 
Das Familien- und das Staatsleben haben kein besseres Fundament als einen bewährten 
Stand mittlerer besitzender Ackerbauern, neben dem auf der einen Seite eine grundbesitzende 
Aristokratie, auf der anderen eine Mehrzahl kleiner Stellenbesitzer und auf Parzellen 
wirtschaftender Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner stehen. Auch die höchste Ent— 
wickelung einer arbeitsteilig gegliederten Volkswirtschaft hat sich bis jetzt mit einem 
solchen Ideal der Ackerbauorganisation wohl vertragen. 
Der Begriff der gewerblichen Thätigkeit in dem eingeschränkteren Sinne, in 
welchem heute das Wort als Gegensatz zu Landwirtschaft, Handel und Verkehr gebraucht 
wird, ist erst ein Ergebnis der neueren Arbeitsteilung. Man versteht darunter den— 
jenigen Teil der wirtschaftlichen Produktion, welcher auf Formveränderung von Roh— 
stoffen und auf Dienstleistungen persönlicher Art gerichtet, durch besondere Berufsbildung 
und Arbeitsteilung aus der Haus- und Landwirtschaft geschieden, nicht zu dem Handel 
und dem Verkehr und den höheren persönlichen Dienstleistungen (liberalen Berufen) ge— 
rechnet wird. Alle gewerbliche Thätigkeit entspringt bestimmten Handgriffen und 
technischen Geschicklichkeiten, die ursprünglich Bestandteile der primitiven Lebens- und 
Ernährungsweise einzelner Stämme waren; einzelne Jäger hatten Waffen, einzelne 
Fischer Boote, einzelne Bergstämme eiserne Werkzeuge bereiten gelernt, unendlich lange 
Zeiten hindurch erhielt sich der Besitz solcher Fertigkeiten in den betreffenden Stämmen; 
nur wenig Neues kam durch Fremde oder durch Nachbarn hinzu, und was die Haupt— 
jache ist, die meisten dieser Fertigkeiten blieben lange Gemeinbesitz der Stammesgenossen; 
noch in der ältesten patriarchalischen Hauswirtschaft der Semiten und Indogermanen 
treffen wir kaum technische Sonderthätigkeiten, die ausschließlich von einzelnen geübt 
wurden. Nur wo eine gewisse Rafsenmischung oder Berührung begonnen hat. wird es 
langsam anders. 
In den ältesten Quellen der Eranier treten als einzige Handwerker die Erz⸗ 
schmelzer, die zugleich die Metalle verarbeiten, in den indischen Vedas (900 v. Chr.) 
neben diesen schon Holzarbeiter auf, die um Entgelt für andere ausüben, was heute 
der Zimmermann, Wagenbauer, Tischler, Schnitzer besorgt. Der Schmied ist allerwärts 
der erste und wichtigste Handwerker. F. Lenormant behauptet, es sei diese Kunst von 
der turanischen Rasse auf die anderen Völker des Orients übergegangen. Bei den 
Juden ist der Schmied in den Tagen König Sauls kein Stammesgenosse wie heute 
noch bei vielen Stämmen Afrikas. Bei den Südgermanen traten die Schmiede und 
andere Handwerker zuerst als zugekaufte Sklaven auf, bei den Nordgermanen haben 
Könige und Häuptlinge die Kunfst des Schwertschmiebens zuerst geübt. Das Wahr—
	        
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