Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die neuere Arbeitsteilung der Betriebe. Die Arbeitszerlegung in ihnen. 351 
Arten von Betrieben; mögen von dieser Zahl vielleicht 100-200 abzuziehen sein wegen 
Doppelbenennung, wie Messerschmiede und Messerfabrikanten, auch der Rest der Zahl 
und noch mehr die Einzelheiten, aus denen sie erwächst, zeigen doch, welch' erstaunliche 
Arbeitsteilung heute zwischen den Betrieben stattfindet. Die Verarbeitung von Metall— 
legierungen zaͤhlt 112, die Nadler- und Drahtwarenverfertigung 57, die Verfertigung 
von Spinn⸗ und Webmaschinen 73, die Maschinenherstellung 239, die Verfertigung 
musikalischer Instrumente 5 Specialitäten von Geschäftsarlen. Und dabei ist die 
Unterscheidung noch nicht so weitgehend, wie sie sein könnte und da und dort ist. 
Die Uhrmacherei ist mit 38 Geschäftsarten angeführt, während man in La Chaux do 
Fonds schon früher 53, in England 102 Specialitäten zählte. Die Spielwaren aus 
Metall bilden nur eine Nummer, während in dieser Branche die Geschäfte, welche ver—⸗ 
schiedene Soldätchen, verschiedene Wägelchen ⁊c. anfertigen, noch in eine Reihe von 
Arten unterschieden werden könnten. 
Das Virzeichnis kann uns belehren, wie selbst unsfere alten einfachsten Gewerbe 
sich geteilt haben: die gewöhnlichen Gärtner zerfallen heute in Rosen-, Kamelien-, 
Blumenzwiebelzüchter, Oostbaumzüchter, Samenzüchter, Baumschuleninhaber, dann in 
Anlagen- und Landschaftsgärtner, in städtische Verkaͤufer und Kranzbinder. Die Gerberei 
und Lederfabrikation zerfällt in 420—50 Specialitäten; die Buchbinder- und Cartonnage— 
fabrikation in noch erheblich mehr. Auch die Bäcker und Fleischer sind in den größeren 
Sladten in eine ganze Reihe besonderer Gewerbszweige gespalten. Die Herstellung von 
Fleischkonserven, Würsten, Pasteten, Tafelbouillon, die Geflügelmästung, die Pökelei und 
Raucherei, die Schmalzsiederei ist zu besonderen Geschäften geworden. Viehhändler und 
Importfirmen, Viehmakler, Groß- und Kleinschlaͤchter, Fleischlieferanten für große An— 
stalten, Fleischwarenverkäufer, Eingeweidehändler, ambulante und stehende Kochläden 
sreten in den Großstädten neben einander auf. Die neueste Gewerbezählung von 1895 
hat noch viel weitere Unterschiede in der Betriebsscheidung nachgewiesen als die 
von 1882. 
Je mehr aus technischen und organisatorischen Gründen häufig jetzt in Riesen— 
unternehmungen die früher meist getrennte Spinnerei, Weberei und Färberei vereinigt, 
das Erz- und Kohlenbergwerk mit Hochöfen, Gießerei, Walzwerk und Eisenverarbeitung, 
ja mit Waggonfabrik verbunden ist, desto mehr könnte man vermuten, daß die Zahl 
der Betriebsßarten durch Zusammenlegung abnehme. Aber das ist in den meisten 
Branchen nicht der Fall. Es besteht wohl eine ebenso große Tendenz der Hinaus— 
verlegung von Teilprozessen in besondere Betriebe. 
Daneben steht nun die Arbeitszerlegung in der vergrößerten Werkstätte, 
wie sie vom 16. und 17. Jahrhundert an begann; schon wenn man statt zwei zehn und 
zwanzig Webstühle in einem Raume ausstellte, noch mehr, wenn man den Stellmacher, 
Tischler, Polsterer, Glaser, Lackierer und Vergolder zur Wagenfabrikation unter einem 
Dache vereinigte, war es natürlich, daß man nicht mehr, wie im Handwerk, jeden alles 
machen ließ, sondern die Mitwirkenden nach Alter, Kraft, Geschicklichkeit einteilte, jeden 
ausschließlich mit dem beschäftigte, wozu er am geschicktesten war. Man hatte mit 
dieser Einteilung zugleich den Vorteil, Kinder, Frauen, alte Leute besser verwenden und 
beschäftigen zu können; eine größere Specialisierung der Werkzeuge trat ein; ein sichereres 
und schnelleres Ineinandergreifen der Teiloperationen war möglich. Es war zugleich 
eine Scheidung aller mitwirkenden Personen in höhere, mittlere und untere, in hoch 
und gering bezahlte Kräfte. Es ist die Arbeitsteilung, die Adam Smith durch die 
18 Operatsonen der Stecknadel-, Say durch die 70 der Spielkartenfabrikation illustriert, 
die Karl Marx als die Arbeitsleilung der Manufakturperiode bezeichnet. Sie herrscht 
aber auch in der heutigen Fabrik, in der Zwischenmeisterwerkstatt der heutigen Haus⸗ 
industrie, ja in der Heimarbeit, die gerade neuerdings ihre Produkte dadurch am meisten 
verbilligt hat, daß sie an dieselbe Person immer nur die gleiche Specialarbeit, z. B. das 
Nähen von Kinderschürzen oder Jacken, ausgiebt, aber die Knopflöcher, das Bügeln und 
all etwas feineren sonstigen, von der gleichmäßigen Näharbeit abweichenden Thätigkeiten 
durch besondere Teilarbeiter machen läßt.
	        
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