Gelernte und ungelernte Arbeiter. Liberale Berufe— 333
vierter Stelle kommen dann die Arbeiter; die obere, wie mir scheint, größere Abteilung
derselben, die gelernten und besser bezahlten Arbeiter, zu denen noch die höhere Schicht
hausindustrieller Meister tritt, sind, wenn man so sagen darf, die heutigen Nachfolger
des mittelalterlichen Handwerkerstandes; sie bilden mit den noch vorhandenen Hand⸗
werkern und Kleinbauern die untere Hälfte des Mittelstandes. Die nichtgelernten, nicht
arbeitsteilig specialisterten Arbeiter und Tagelöhner bilden eine sociale Klasse für sich;
in früheren Epochen Sklaven oder Leibeigene, sind sie heute freie Arbeiter: ihr Zahlen—
und ihr sonstiges Verhältnis zu den gelernten Arbeitern, zum Mittelstande und zur
gewerblichen Aristokratie ist der Angelpunkt der heutigen socialen Entwickelung.
115.5 Die Arbeitsteilung der liberalen Berufe; die räumliche
Arbeitsteitung. Da wir im vorstehenden schon fast zu ausführlich waren, müssen
wir über diese Teile oder Seiten der Arbeitsteilung uns mit wenigen Worten begnügen.
Das staatliche und Gemeindebeamtentum, der ürztliche, der Künstlerberuf, das
Lehrer- und Gelehrtentum, die Journalistik haben in unseren neueren Volkswirtschaften
eine steigende Ausdehnung, eine zunehmende Specialisierung ihrer Thätigkeitssphären
erhalten. Das Eigentümliche ihrer Beruse liegt in dem Umstande, daß viele dieser
Thätigkeiten in älterer Zeit unbezahlte NRebenbeschäftigung der Priester oder anderer
Aristokraten war, daß daneben aber früh der bezahlte Spielmann, Gaukler, Arzt,
Künstler trat. Die Formen und Grenzen dieser Bezahlung waren nicht rasch und nicht
leicht zu finden.
Die aͤltere aristokratische Einrichtung der Nichtbezahlung hatte das für sich, daß
diese höheren liberalen Thätigkeiten meist leiden, schlecht ausgeübt werden, wenn der
Gewinn sie auslöst. Sokrates verachtet die Sophisten, die für den Unterricht sich
bezahlen lassen, als Krämer, welche mit den Gütern der Seele Handel treiben. Noch
heute giebt es viele hieher gehörige Handlungen und Dienste, für welche der anständige
Mann nichts nimmt: der ganze unbezahlte Ehrendienst in der Selbstverwaltung gehört
hieher.
Aber das Princip reichte schon im Altertume nicht aus, heute noch viel weniger.
Allerwäürts entstand mit der Gelbwirtschaft und höheren Arbeitsteilung die Bezahlung
der liberalen Thätigkeit; es drängten sich dazu die Talente aus allen Klassen. Die
Folge war zunächst in Griechenland und Rom schlimm genug. Wir sehen in Athen
und Rom eine Schicht geld- und ruhmdürstiger Elemente, deren Charakterlosigkeit,
Korruption und Gewinnsucht sprichwörtlich wurde. Es waren Freigelassene, in Rom
hauptfächlich die einstrbmenden afiatischen und griechischen Elemente, Leute, die fich für
aͤlles bezahlen ließen — für die schamlofesten Künste wie für guten ärztlichen Rat, die,
ohne feste Vorbildung, ohne Standesehre, fast als eine Eiterbeule der antiken Gesellschaft
bezeichnet werden können.
Als beim Abergang von der einfachen mittelalterlichen Gesellschaft in die komplizierte
moderne, die unbezahlte Aristokratenarbeit des Klerikers und Patriciers sich wieder in
ähnlicher Weise umwandelte in die demokratische Schreiber⸗, Gelehrten⸗ und Künstler—
rhätigkeit, die nach Lohn geht, drohten ähnliche Gefahren. Man lese die Schilderung
nach, die Burkhardt von dem fahrenden Gelehrten des 15. Jahrhunderts entwirft, man
erinnere sich, wie heute noch vielfach Schauspieler und Journalisten sich aus den Per⸗
sonen rekrulieren, die moralisch oder sonstwie in anderen Carrieren Schiffbruch gelitten.
Aber im ganzen hat die Entwickelung unseres neueren Schul-, Studien-, Examenwesens,
auch das Vereinswesen, die Arztekammern mit ihren Ehrengerichten und anderes derart
die meisten liberalen Berufe zu festen Laufbahnen umgebildet, führt den einzelnen
Gruppen überwiegend homogene Elemente meist aus dem Mittelstande zu, hat eine feste
Slandesehre, feste Sitien und Gewohnheiten über Berufspflichten, sichere Anstands⸗
schranken des Gelderwerbes geschaffen. Damit haben diese liberalen Berufe einen gänzlich
auderen Charakter erhalten, als sie ihn (von den Priestern abgesehen) früher hatten;
die Familien, welche ihre Söhne den liberalen Berufen widmen, sind mehr oder weniger
eine sociale Klasse für sich geworden, die weniger durch Besitz, als durch persönliche
Eigenschaften sich auszeichnet, eine Klasse, die doch jedem Talentvollen offen steht,
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 23